Stimmen zum Galaxus-Start: „Teures Abenteuer mit ungewissem Ausgang“

Vor gut einem Jahr wurde es angekündigt, jetzt ist es soweit: Ab sofort bedient der Schweizer Online-Händler Galaxus erstmals auch Kunden in Deutschland mit dem neuen Online-Shop Galaxus.de. Doch während die Eidgenossen in der Alpenrepublik als „Online-Warenhaus“ ein Vollsortiment bieten, liegt hierzulande der Fokus zunächst auf Elektronik. Die Ziele sind dennoch ziemlich ambitioniert – zu sehr?

Frank Hasselmann
Frank Hasselmann (Bild: Digitec Galaxus)

Denn los geht es jetzt zwar mit rund 50.000 Elektronik-Artikeln. Doch schon in den nächsten Monaten soll Galaxus.de zu einem „sortimentsstarken Online-Warenhaus heranwachsen“, wenn das Online-Angebot schrittweise um weitere Kategorien wie Spielwaren, Haushalt oder Baumarkt ergänzt wird.

„Im deutschen Online-Handel gibt es ein Segment, das mit dem bisherigen Angebot nicht glücklich ist“, argumentiert stellvertretend Deutschland-Chef Frank Hasselmann (siehe Foto links). „Konsumenten suchen nach Online-Kaufberatung und fühlen sich im Angebots-Dschungel verloren.“

Hier will Galaxus im Wettbewerb mit Amazon & Co. punkten. Begeistern möchte man Online-Kunden daher unter anderem mit redaktionellen Mehrwerten wie Kauf-Ratgebern und einer Online-Community, bei der andere Nutzer die Fragen von Kunden beantworten. Mit dieser Strategie schielen die Schweizer zudem auf einen Platz unter den fünf größten Online-Händlern in Deutschland. Nach dem aktuellen Ranking der umsatzstärksten Online-Shops in Deutschland würde Galaxus.de damit in einer Liga spielen mit etablierten Schwergewichten wie Amazon, Otto, Notebooksbilliger.de und Media-Markt:

Amazon Marktanteil

Das scheint dann allerdings doch ein wenig unrealistisch. Schließlich bieten die Schweizer zum einen Produkte, die Kunden auch in anderen Online-Shops erhalten. Zum anderen starten die Eidgenossen hierzulande bei null und müssen deshalb erst einmal ihre Marke bei Verbrauchern bekannt machen.

Ralph Hesse
Ralph Hesse (Bild: eigenes Foto)

„Ich gratuliere Galaxus zu diesem extrem mutigen Schritt, unter die Top-5-Händler in einem gesättigten Markt aufsteigen zu wollen“, meint daher auch E-Commerce-Growth-Coach Ralph Hesse (siehe Foto links). „Das wird bestimmt ein extrem teures Abenteuer mit ungewissem Ausgang.“

Beifall gibt es von ihm zwar für den Ansatz, die Kunden beim Kauf gut beraten zu wollen. „Jeder hat doch schon Kundenbewertungen gelesen, nur um dann völlig verunsichert zu sein“, weiß Hesse. Von einer echten Kaufberatung war für ihn im Shop aber „noch nichts zu sehen“.

Tatsächlich: Wer etwa die Rubrik „Mobiltelefone“ öffnet, findet dort aktuell nur Artikel zu Smartphones von Apple und Samsung sowie einen Beitrag zu einer Display-Technik (siehe Foto). Danach folgen 2.486 Produkte, die man unter anderem nach Bewertung oder Preis sortieren kann. Bei dem Anspruch von Galaxus könnte man aber zumindest einen Kaufratgeber erwarten, welches Produkt für welche Zielgruppe am besten passt. So eine Einkaufshilfe gibt es zwar im Bereich Fotografie, wo Galaxus einen Kaufberater für Graufilter bietet. E-Commerce-Experte Hesse bleibt dennoch generell skeptisch, was die Kaufberatung betrifft: „Es stellt sich die Frage, wie Galaxus das Vertrauen bei Kunden gewinnen will. Schließlich liegt die Vermutung nahe, dass Galaxus die Produkte mit der größten Marge empfiehlt.“

Galaxus.de
Bei der Kategorie „Mobiltelefone“ fehlt noch ein Kaufratgeber (Bild: Screenshot)

Reelle Chancen auf dem deutschen Online-Markt sieht dennoch Patrick Palombo, der als Berater und Interimsmanager auf E-Commerce und Multichannel-Handel spezialisiert ist. Für ihn könnte daher die Strategie der Schweizer durchaus aufgehen, Kunden über redaktionelle Mehrwerte zu beraten und durch Content und Community ein neues Einkaufserlebnis beim Online-Shopping zu schaffen.

Patrick Palombo
Patrick Palombo (Bild: Isabelle Palombo)

„Was Online-Händler oft nicht hinbekommen, sind wirklich klar strukturierte Produktseiten“, argumentiert Palombo (siehe Foto). „Galaxus macht vom Start weg dagegen einiges richtig.“ Punkten kann Galaxus ihm zufolge auf Artikelseiten mit umfangreichen Texten, ausreichenden Bildern und gut eingebetteten Videos. Damit die Deutschland-Expansion aber erfolgreich verläuft, müsse Galaxus einige Spielregeln beherrschen und einhalten.

„Rezensionen muss man so schnell wie möglich dem deutschen Markt anpassen“, mahnt Palombo. „Was bringt es deutschen Kunden, wenn ein Schweizer sich auf italienisch oder französisch zu Artikeln auslässt?“

Und tatsächlich zeigen Stichproben, dass es im deutschen Online-Shop bei Artikeln wie einer Apple Watch oder dem iPad unter anderem französische Rezensionen gibt. Kurios auch, dass Galaxus zum Beispiel ein iPhone in die Rubrik „Mobiltelefone“ packt – und nicht die hierzulande übliche Bezeichnung „Smartphone“ nutzt. „Galaxus muss sich sehr schnell eine lokale DNA zulegen“, mahnt daher Palombo.

Die Digitec Galaxus AG ist nach eigenen Angaben mit einem Umsatz von 861 Mio. Franken im Jahr 2017 der größte Online-Händler in der Schweiz und betreibt die beiden Online-Shops Digitec.ch (Start: 2001) und Galaxus.ch (Start: 2012). Während Galaxus als Universal-Versender positioniert ist, liegt bei Digitec der Fokus auf IT und Elektronik. Migros ist zu 70 Prozent an der Digitec Galaxus AG beteiligt.

Mit dem Start in Deutschland wird Digitec Galaxus nun erstmals überhaupt im Ausland aktiv. Die Deutschland-Zentrale befindet sich in Hamburg, beliefert werden deutsche Kunden aber über ein Logistikzentrum in Krefeld. Bis Jahresende arbeiten voraussichtlich zwar erst zehn Mitarbeiter in Hamburg, die sich um Category Management und Marketing kümmern. Zum Start gibt es aber noch Support aus der Schweiz, wo mittlerweile knapp 1.300 Mitarbeiter für den Online-Händler tätig sind.

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