Rakuten schließt gleich drei Online-Marktplätze in Europa auf einmal

Die japanische Rakuten-Gruppe restrukturiert ihr Marktplatz-Geschäft in Europa. Aus diesem Grund zieht sich der E-Commerce-Konzern aus Spanien und aus Großbritannien zurück, wo die Japaner jeweils einen Online-Marktplatz in der entsprechenden Landessprache betreiben und lokale Teams in Cambridge (UK) und Barcelona (Spanien) beschäftigen. Das Marktplatz-Geschäft in Spanien und Großbritannien gibt Rakuten komplett auf, so dass man auch die regionalen Büros schließen will.

Rakuten.at Österreich
Der Online-Marktplatz Rakuten.at wird nun wieder eingestampft (Bild: Screenshot)

Hintergrund ist in beiden Fällen, dass nach eigenen Angaben die Kosten für weiteres Wachstum nicht im Verhältnis zur Größe der einzelnen Länderaktivitäten passen. Ähnlich scheint es in Österreich zu sein, wo Rakuten seit Mai 2013 einen Online-Marktplatz für einheimische Kunden betreibt. Das Online-Portal Rakuten.at wollen die Japaner ebenfalls einstampfen, einkaufen sollen Kunden aus Österreich künftig über den deutschen Online-Marktplatz Rakuten.de. Von Deutschland aus will Rakuten künftig auch alle Händler aus der Alpenrepublik betreuen, die aktuell über das Österreich-Portal verkaufen.

Aktuell beschäftigt die „Rakuten Austria GmbH“ nach eigenen Angaben 15 Mitarbeiter in Wien. Insgesamt sind von der geplanten Umstrukturierung rund 100 Beschäftigte in Österreich, Spanien und Großbritannien zusammen betroffen, wie Rakuten gegenüber neuhandeln.de konkretisiert. Rakuten wird den Beschäftigten künftig Alternativen anbieten – sofern diese zur Verfügung stehen. Die Umstrukturierungen bei allen drei europäischen Online-Marktplätzen (Österreich, Spanien, UK) will man bis Ende August 2016 umsetzen, mit den betroffenen Mitarbeitern führe man bereits Gespräche.

Gerade der Rückzug aus Österreich überrascht aber. Denn vor einem Jahr hieß es noch gegenüber neuhandeln.de, dass mit einer TV-Kampagne in Österreich die Markenbekanntschaft „enorm“ gesteigert wurde und sich auch die Abverkäufe erhöht hatten. Jetzt heißt es auf Nachfrage von neuhandeln.de, dass Händler aus Österreich bereits 85 Prozent ihres Geschäfts auf dem deutschen Portal machen.

Laut dem kürzlich veröffentlichten Jahresabschluss steht für das vergangene Geschäftsjahr 2015 der „Rakuten Austria GmbH“ zudem ein Bilanzverlust von -5,3 Mio. Euro in den Büchern – was den Verdacht nahelegt, dass die Kosten tatsächlich in keinem Verhältnis zum Umsatz stehen bei den drei Online-Marktplätzen in Österreich, Spanien und UK, die geschlossen werden. Gerade in Österreich dürften die Umsätze drei Jahre nach dem Start noch auf einem überschaubaren Niveau liegen.

Deutschland-Geschäft: Mehr Handelsvolumen, mehr Verlust

Kurios in diesem Zusammenhang ist dann aber, dass Rakuten weiter an seinem Deutschland-Geschäft festhält. So konnte die für den deutschen Online-Marktplatz verantwortliche „Rakuten Deutschland GmbH“ zwar im vorletzten Geschäftsjahr 2014 das Handelsvolumen auf dem Marktplatz um 17,4 Prozent erhöhen, was man mit einem „steigenden Bekanntheitsgrad der Plattform“ und dem Ausbau von Marketing-Maßnahmen begründet. Unterm Strich steht aber ein Jahresfehlbetrag von -8,0 Mio. Euro (2013: -7,0 Mio. Euro). Als Grund nennt die Deutschland-Tochter „anhaltend hohe Anstrengungen zur Integration in den Rakuten-Konzern und Anpassungen an das Rakuten-Konzept“.

So hatten sich 2014 unter anderem die Personalkosten um über 40 Prozent erhöht, weil die „Rakuten Deutschland GmbH“ vermehrt Funktionen des europaweiten Marktplatz-Geschäfts übernommen hatte und deshalb ein Büro in Berlin eröffnet hatte und dazu auch neue Mitarbeiter eingestellt wurden.

Bei diesen Zahlen stellt sich daher schon die Frage, warum Rakuten nicht auch gleich seinen deutschen Online-Marktplatz schließt. Doch hier sehen die Japaner nach eigenen Angaben noch „Potenzial für nachhaltiges Wachstum“, so dass ein Rückzug aus Deutschland derzeit kein Thema ist. Dabei zeigen die nackten Zahlen doch auf den ersten Blick, wie sehr Rakuten hierzulande auf der Stelle tritt.

Zur Erinnerung: Vor fünf Jahren hat der japanische E-Commerce-Riese Rakuten das Shopping-Portal Tradoria übernommen und anschließend in Rakuten.de umbenannt, um aus diesem Web-Portal den führenden Online-Marktplatz in Deutschland zu formen. Tatsäschlich verkaufen über Rakuten.de dezeit aber nach wie vor erst rund 7.000 Händler. Damit stagniert diese Zahl nicht nur schon seit zwei Jahren, als Rakuten.de auch schon auf 7.000 Händler gekommen war. Rakuten ist auch nach wie vor meilenweit entfernt von einem Platzhirsch wie Amazon.de, wo derzeit 55.310 Online-Händler aktiv sind – wie zumindest eine aktuelle Untersuchung des Online-Portals Wortfilter.de besagt.

Punkten will Rakuten bei deutschen Handelspartnern im Vergleich zu Amazon.de mit zwei Vorteilen. Zum einen können sich Händler über eigene Shop-Designs bei Rakuten individueller präsentieren als bei Amazon. Zum anderen will Rakuten seine Partner beim Online-Verkauf beraten („Empowerment“), so dass Händler mehr verkaufen können und Rakuten letztlich mehr Provisionen bekommt. Da die Zahl der Handelspartner aber stagniert, scheinen beide Punkte keine Killerargumente zu sein.

Um in Deutschland eine größere Rolle zu spielen, müsste Rakuten daher wahrscheinlich seine Strategie ändern. Davon kann aber aktuell keine Rede sein. Im Gegenteil. Denn weiteres Wachstum versprechen sich die Japaner in Deutschland unter anderem über das neue Gebührenmodell „Rakuten Pro„, bei dem Händler geringere Gebühren bezahlen, wenn sie dafür im Gegenzug bestimmte Services wie schnelle Lieferungen garantieren. Dabei fehlt dabei aber immer noch eine Antwort auf die Frage, warum der Kunde überhaupt bei Rakuten einkaufen sollte – wenn es bei Amazon und eBay mehr Angebot gibt.

In Großbritannien ist Rakuten seit Herbst 2011 aktiv, als die Japaner den Online-Marktplatz Play.com übernommen haben, der seit 2014 unter dem Namen Rakuten.co.uk betrieben wird. Den spanischen Online-Marktplatz betreibt Rakuten wiederum seit Herbst 2013. In Europa sind die Japaner zusätzlich seit 2010 auch mit dem Online-Marktplatz Priceminister in Frankreich aktiv, der damals übernommen wurde und – wie der deutsche Online-Marktplatz – nach eigenen Angaben auch fortgeführt wird.

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Über Stephan Randler 2286 Artikel
Stephan Randler (40) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr