Corona als Beschleuniger: So entwickelt sich der deutsche E-Commerce-Markt

­Viele Online-Händler konnten im vergangenen Jahr ihren Umsatz stark steigern. Denn die Corona-Krise hat die E-Commerce-Branche zusätzlich befeuert, die ja schon seit Jahren starke Zuwächse verzeichnen kann. Denn bereits im vorletzten Kalenderjahr 2019 hatte sich der E-Commerce-Umsatz in Deutschland von zuvor 62,9 Mrd. Euro (2018) auf 69,8 Mrd. Euro erhöht, was einem zweistelligen Plus von knapp elf Prozent entsprach. Doch in dem vergangenen Corona-Jahr 2020 war sogar noch deutlich mehr Zug drin.

E-Commerce Umsatz 2020
Prognose, wie sich das Online-Marktvolumen (brutto) in Deutschland in 2020 entwickelt hat (Grafik: IFH Köln)

Das verdeutlicht eine aktuelle Marktanalyse vom Institut für Handelsforschung (IFH Köln). Demnach rechnen die Marktbeobachter damit, dass der gesamte E-Commerce-Umsatz im Jahr 2020 zwischen 15 und 26 Prozent zulegen wird. Das würde einem Online-Marktvolumen zwischen 80 und 88 Mrd. Euro entsprechen (siehe Grafik oben). Denn final beziffern lässt sich das Umsatzvolumen momentan nicht.

So basiert die Studie auf Daten von Online-Händlern für das Geschäftsjahr 2020, die aktuell noch nicht vollständig vorliegen. Aus diesem Grund gibt es momentan drei verschiedene Szenarien dafür, wie sich der Gesamtmarkt im Jahr 2020 entwickelt hat. Klar ist für die Studienautoren aber, dass es durch die Corona-Krise eine erhöhte Nachfrage im gesamten deutschen E-Commerce gibt. So erhöht sich das Online-Marktvolumen im Jahr 2020 voraussichtlich um zehn bis 18 Mrd. Euro. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor hatte der deutsche E-Commerce-Markt erst um einen Wert von 6,9 Mrd. Euro zulegen können:

Online-Marktvolumen 2020
Prognose, wie das Online-Marktvolumen (brutto) in Deutschland in 2020 absolut zugelegt hat (Grafik: IFH Köln)

Doch im Corona-Jahr hat der Online-Handel bei Verbrauchern zusätzlich an Attraktivität gewonnen. Kein Wunder. Schließlich waren ja die meisten lokalen Ladengeschäfte geschlossen, als es im Frühjahr zum ersten Lockdown kam und die Ladenbesitzer im Herbst erneut zusperren mussten. Parallel hat sich der Online-Handel bei Verbrauchern zunehmend etabliert. Diese These untermauert die Studie zum einen dadurch, dass generell die Zahl der Vielbesteller stark gestiegen ist, die mindestens einmal wöchentlich online einkaufen und mindestens 50 Prozent ihrer durchschnittlichen Einkäufe (ohne Lebensmittel) im Internet tätigen. 2020 war daher bereits jeder vierte Online-Nutzer einer dieser „Heavy-Shopper“ (25 Prozent der Befragten). Zum Vergleich: 2019 zählte erst jeder fünfte Internetnutzer dazu (20 Prozent).

Immer mehr Kunden bestellen öfter im Internet

Nachvollziehbar, dass die Zahl der Heavy Shopper gestiegen ist. Wenn vor Ort kein Einkauf möglich ist, bestellt man eben öfter online. Kunden haben 2020 aber nicht nur öfter bestellt, sondern auch neue Sortimente im Internet entdeckt. So ist der Online-Umsatz bei Drogerie-Artikeln und bei Lebensmitteln (Fast Moving Consumer Goods) überdurchschnittlich gestiegen um gleich 59 Prozent zum Vorjahr. Eine Entwicklung, die so auch schon der Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel (BEVH) im vergangenen Jahr beobachtet hat. Kurioserweise wächst damit online ausgerechnet so ein Sortiment besonders stark, das Verbraucher im gesamten vergangenen Jahr immer vor Ort kaufen konnten. Die Supermärkte waren ja offen. Eine mögliche Erklärung: Online lassen sich Lebensmittel kaufen, ohne dass Kunden ein Geschäft besuchen müssen – und sich dabei eventuell noch mit Corona anstecken.

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Auch das Geschäft mit DIY-Produkten hat 2020 stark angezogen, wie das IFH Köln ermittelt hat. Da stellt sich fast zwangsläufig die Frage, wie nachhaltig das starke Online-Wachstum überhaupt ist. Schließlich gibt es eine Zeit nach Corona. Und dann gibt es keinen Grund mehr, stationäre Supermärkte zu meiden. Und statt in DIY-Produkte für Haus und Garten investieren die Deutschen dann vielleicht lieber wieder in Reisen und Restaurant-Besuche. Doch selbst dann soll das Online-Marktvolumen weiter steigen, wie das IFH Köln analysiert. Und auch bei der Prognose für die nächsten Jahre setzt man auf drei Szenarien:

E-Commerce Umsatz Prognose
Drei Prognosen, wie sich das Online-Marktvolumen (brutto) in Deutschland bis 2024 entwickelt (Grafik: IFH Köln)

Denn die Prognosen für den Online-Handel hängen davon ab, wie sich die Corona-Krise in Deutschland entwickelt. So kann die Wachstumsdynamik im E-Commerce zulegen und das Online-Marktvolumen auf bis zu 141 Mrd. Euro steigen. Dieses Szenario setzt voraus, dass die Infektionszahlen in diesem Jahr nur langsam abnehmen und der Kauf vor Ort daher weiter nur eingeschränkt möglich ist. Bei der mittleren Variante dagegen wächst der Online-Handel weiter wie in den Vorjahren und erreicht ein Marktvolumen von 120 Mrd. Euro. In diesem Fall wird das Infektionsgeschehen zunehmend kontrollierbar und das Leben normalisiert sich immer mehr, so dass auch Geschäfte zunehmend öffnen und offen bleiben.

Umsatzprognosen: Keine Corona-Flaute in Sicht

Möglich ist aber auch ein drittes Szenario, bei dem das Online-Wachstum abnimmt. Diese Entwicklung setzt voraus, dass Impfstoffe zügig angewendet werden und es nur in dem ersten Halbjahr 2021 noch Einschränkungen im Einzelhandel gibt. Unwahrscheinlich ist für das IFH Köln dagegen eine Entwicklung, bei der sich das Online-Marktvolumen – nach der aktuellen Boom-Phase – wieder verringern könnte.

Zwar dürften Verbraucher durchaus wieder mehr Geld für Reisen und Restaurants ausgeben als etwa für DIY-Produkte, wenn die Corona-Krise vorbei ist und das eigene Zuhause an Attraktivität verliert. In erster Linie treffen sollte das aber die stationären Anbieter. So geht das IFH davon aus, dass sich auch in den nächsten Jahren immer mehr Käufe aus dem stationären Handel weiter in das Internet verlagern.

Die Begründung: Verbraucher haben sich durch Corona zunehmend an E-Commerce als Einkaufskanal gewöhnt. Luft nach oben gibt es jedenfalls noch: Denn selbst bei einer zunehmenden Dynamik würde der Online-Anteil an dem gesamten Einzelhandelsvolumen in Deutschland erst auf 19 Prozent klettern:

Online-Anteil Einzelhandel
Drei Prognosen, wie sich der Online-Marktanteil in Deutschland bis 2024 entwickeln wird (Grafik: IFH Köln)

Am wahrscheinlichsten ist ohnehin das mittlere Szenario. So hatte das IFH Köln bereits vor fünf Jahren drei verschiedene Szenarien ermittelt, wie sich der Online-Umsatz in Deutschland bis zum Jahr 2020 entwickeln wird. Auch hier bestand das mittlere Szenario darin, dass sich der Wachstumstrend der Vorjahre fortsetzt und das Marktvolumen auf 74 Mrd. Euro steigt – ein Wert, der im Jahr 2020 nun auch tatsächlich erreicht wurde. In allen drei Szenarien, die für 2020 ja zwischen 80 und 88 Mrd. Euro liegen.

Die Marktzahlen des IFH sind Brutto-Werte (inkl. Mehrwertsteuer) und basieren auf einer Detailanalyse von mehr als 1.000 Online-Händlern, die im B2C-Geschäft tätig sind. Anhand dieser ermittelten Daten erfolgt eine Hochrechnung, über die dann der gesamte Online-Markt in Deutschland ermittelt wird. Die Zahlen beziehen sich nur auf Warenkäufe, nicht enthalten sind daher zum Beispiel Reisebuchungen.

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Über Stephan Randler 2822 Artikel
Stephan Randler (41) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.

1 Kommentar

  1. Schon abgefahren, wie sehr sich alles durch die Pandemie verändert. Ich meine, eigentlich klar, dass E-Commerce zunimmt. Aber in welchem Maße und wo überall jetzt digitalisiert wird, ist schon spannend.

    Ich habe neulich erst gehört, dass in Frankreich letztes Jahr quasi auch die Versanddienstleister in den Lockdown geschickt wurden. Das wäre ja hier unvorstellbar gewesen. Wir hatten gefühlt jeden Tag 15 Pakete im Haus.

    Aber interessant was das für Kreise zieht. Offenbar gab es auch einen Versandstop aus Deutschland in die UK: https://www.logistik-watchblog.de/neuheiten/2809-coronavirus-paketdienste-versandstopp-uk-irland.html

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