BEVH-Präsident: „Auch der Online-Handel nimmt die Krise wahr“

Im vergangenen Kalenderjahr 2022 haben Verbraucher in Deutschland insgesamt 90,4 Mrd. Euro brutto für Waren im E-Commerce ausgegeben. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Verbraucherbefragung, die der Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel (BEVH) durchgeführt hat. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Brutto-Umsatz jetzt allerdings verringert. Denn im vorletzten Kalenderjahr 2021 hatten deutsche Verbraucher laut dem BEVH zusammen noch 99,1 Mrd. Euro bei Online-Händlern ausgegeben.

Gero Furchheim
Gero Furchheim (Bild: BEVH)

Etwas ungewöhnlich wirkt es im ersten Moment zwar schon, wenn die Online-Umsätze in Deutschland zurückgehen. Schließlich hatte es allein in den drei Jahren zuvor jeweils zweistellige Zuwachsraten im deutschen E-Commerce gegeben. Überraschend kommt der Rückgang aber natürlich trotzdem nicht.

Zum einen hatte Corona in den beiden Jahren zuvor das Geschäft befeuert. So hatten Verbraucher in Deutschland in den Corona-Jahren 2020 und 2021 mehr Käufe ins Internet verlagert, als Ladengeschäfte hierzulande im Lockdown schließen mussten oder für Kunden nur eingeschränkt geöffnet waren.

Zum anderen hat im Jahr 2022 die Konsumlaune der Verbraucher stark nachgelassen. Kein Wunder, wenn Inflation und steigende Energiekosten die Einkommen belasten. „Auch der Online-Handel nimmt die Krise wahr“, weiß Gero Furchheim (siehe Foto oben), Präsident des BEVH. „Die merkliche Kaufzurückhaltung, vor allem bei nicht unmittelbar notwendigen Dingen, zeigt die aktuelle Verunsicherung der Menschen verbunden mit gestiegenen Lebenshaltungskosten.“ Es hatte sich daher im Laufe des vergangenen Jahres mehrmals abgezeichnet, dass der deutsche E-Commerce im Jahr 2022 unter das Niveau des Vorjahres fallen dürfte.

Kunden bestellen weniger – und geben weniger aus

Im ersten Quartal 2022 waren zwar die Brutto-Umsätze im deutschen E-Commerce noch einstellig gestiegen. Bereits im zweiten Quartal 2022 hatten sich die Umsätze aber deutlich reduziert und im dritten Quartal 2022 gab es sogar einen zweistelligen Rückgang. Gewendet hat sich das Blatt mit dem Ukraine-Krieg. Denn in den Wochen vor Kriegsbeginn lag das Wachstum noch bei einem Plus von 11,5 Prozent, danach wurde in den letzten Wochen des ersten Quartals 2022 nur noch ein Mini-Zuwachs von 2,3 Prozent erzielt.

Besonders bei Mode, Hobby und Freizeit sowie Unterhaltungselektronik brechen aktuell Spontankäufe weg. Am stärksten gesunken sind daher auch die Brutto-Umsätze bei Schuhen (-16,6 Prozent) und Bekleidung (-12,8 Prozent). Das zeigt eine Auswertung des BEVH nach Warengruppen (PDF). Zuwächse gab es demnach bei Tierbedarf (+6,4 Prozent), Medikamenten (+3,5 Prozent) und Lebensmitteln (+1,3 Prozent).

E-Commerce Umsatz 2022
So entwickeln sich die Jahresumsätze im deutschen E-Commerce (Grafik: BEVH)

Zugenommen haben die Umsätze aber auch bei solchen Waren, die noch wenig online gekauft werden. So wurde im Jahr 2022 mit Lebensmitteln erst ein Brutto-Umsatz von 3,9 Mrd. Euro erzielt, bei Bekleidung dagegen waren es 16,8 Mrd. Euro – und das trotz eines deutlichen Rückgangs. Gerade bei Schuhen und Bekleidung sinken die Umsätze also auf einem hohen Niveau. Dennoch verdeutlichen die Zahlen: Güter des täglichen Bedarfs wurden auch im Krisenjahr 2022 online bestellt. Zurückgehalten haben sich Verbraucher dagegen bei Produkten, die nicht unbedingt notwendig waren. Passend dazu haben Verbraucher im Jahr 2022 auch nicht nur weniger bestellt als im Vorjahr. Auch der durchschnittliche Bestellwert hat sich reduziert und ist laut der Marktanalyse von zuvor 144,25 Euro (2021) auf nun 131,27 Euro (2022) zurückgegangen.

Für seine Studie befragt der BEVH jährlich von Januar bis Dezember insgesamt 40.000 Privatpersonen aus Deutschland ab 14 Jahren dazu, was sie ausgeben. Bei den Zahlen handelt es sich um Verbraucherpreise – also Brutto-Umsätze mit Mehrwertsteuer. Diese sind jetzt zwar gesunken. Doch der Brutto-Umsatz aus dem Handel mit Waren im E-Commerce liegt im Jahr 2022 immer noch 24,5 Prozent über dem Wert, der 2019 erreicht wurde – also bevor Pandemie und Lockdown dem Online-Handel einen Schub gegeben haben.

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