Online-Marktplätze: Fyndiq-Aus betrübt die Wettbewerber

„Das Schnäppchen-Kaufhaus im Internet“: Unter diesem Motto war der schwedische Marktplatz-Betreiber Fyndiq im Frühsommer 2015 in Deutschland gestartet, um Händlern und Kunden eine „vernünftige Alternative zu Marktführern“ – also Amazon und eBay – zu bieten. Davon kann ein knappes Jahr später keine Rede mehr sein. Zwar ist der deutsche Online-Marktplatz der Schweden nach wie vor aktiv, eine Zukunft im deutschen E-Commerce hat Fyndiq deshalb aber noch lange nicht.

Fyndiq.de
Vor dem Aus: Fyndiq wollte der „Schnäppchen-Superstore“ sein (Bild: Screenshot)

Denn nach eigenen Angaben wollen sich die Schweden jetzt wieder „auf den wachsenden Heimatmarkt in Schweden“ fokussieren. Im Gegenzug legen die Skandinavier ihre „kommerziellen Expansionspläne für den deutschen Verbrauchermarkt vorerst auf Eis“, wie es weiter heißt. Wann deshalb der deutsche Marktplatz wieder offline geht, steht momentan zwar noch nicht fest. Sicher ist aber, dass man die Zusammenarbeit mit den rund 1.000 registrierten Händlern aus Deutschland aufrecht erhalten will.

Denn diese können Produkte künftig zwar nicht mehr über den deutschen Online-Marktplatz Fyndiq.de verkaufen, sollen ihre Artikel aber über das schwedische Online-Angebot Fyndiq.se feilbieten und ihre Ware an Kunden in Nordeuropa exportieren. Nach eigenen Angaben hätten zwar viele Händler aus Deutschland durchaus Interesse daran, in Schweden zu verkaufen. Wer aber hierzulande tatsächlich auf eine „vernünftige Alternative zu den Marktführern“ gehofft hat, wird jetzt letztlich bitter enttäuscht – worunter wiederum auch andere Betreiber von deutschen Online-Marktplätzen leiden könnten.

Guido Schulz
Guido Schulz (Bild: Rakuten)

Denn zurück bleibt ja auch, dass wieder einmal ein Marktplatz-Betreiber mit großen Ambitionen in Deutschland gestartet ist – und nun deutsche Online-Händler enttäuscht zurücklässt, die in vielen Fällen weiter am Tropf von Amazon und eBay hängen dürften.

„Für die Marktvielfalt ist so ein Rückzug natürlich immer schade“, bedauert das Fyndiq-Aus daher auch Guido Schulz (siehe Foto links), der als Country Manager Commercial für das Geschäft beim deutschen Online-Marktplatz Rakuten zuständig ist, der wiederum zu dem gleichnamigen japanischen E-Commerce-Unternehmen gehört.

Seine Begründung: Mehr Player beleben den Markt und erlauben Händlern mehr Unabhängigkeit, was in einem zweiten Schritt wiederum für einen fairen Wettbewerb sorgt. Überraschend kommt das Aus von Fyndiq in Deutschland für ihn dennoch nicht. „In einem vielfältigen und gut gesättigten Markt wie Deutschland ist ein Neueinstieg nicht leicht und nur mit hohen initialen Marketing-Investitionen oder langfristigem Markenaufbau erfolgreich zu bewerkstelligen“, argumentiert Rakuten-Manager Schulz.

Hitmeister: „Überrascht, wie schnell sich Fyndiq zurückzieht“

Er muss es wissen. Denn auch Rakuten war vor nun schon fünf Jahren zunächst in Deutschland mit dem Ziel angetreten, Amazon.de als Platzhirsch abzulösen. Zu mehr als der Nummer drei nach eBay und Amazon hat es im deutschen Marktplatz-Geschäft aber bislang nicht gereicht. So zählt Rakuten derzeit nach eigenen Angaben rund 7.000 Händler in Deutschland und damit zwar deutlich mehr als Fyndiq. Bei Amazon Deutschland dagegen sind dennoch 55.310 Handelspartner auf dem Online-Marktplatz aktiv, wie eine aktuelle Statistik verdeutlicht, die der auf den Handel auf eBay und Amazon in Deutschland spezialisierte Experte Mark Steier von Wortfilter.de veröffentlicht hat. Im direkten Vergleich wirken daher auch die rund 5.000 Handelspartner überschaubar, die bislang mit der Kölner Hitmeister GmbH kooperieren und über den gleichnamigen Online-Marktplatz Hitmeister verkaufen.

Gerald Schönbucher
Gerald Schönbucher (Bild: Hitmeister)

Doch auch in Köln sieht man das Aus von Fyndiq in Deutschland mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Wir sind überrascht, wie schnell sich Fyndiq aus dem deutschen Markt wieder zurückzieht und hätten mehr Wettbewerb begrüßt“, argumentiert Hitmeister-Gründer und Geschäftsführer Gerald Schönbucher (siehe Foto links) – und schlägt damit in dieselbe Kerbe wie Kollege Schulz von Wettbewerber Rakuten.

Für Start-Ups mit begrenzten Ressourcen sei es aber wichtig, sich zu fokussieren. Insofern könne er den Schritt von Fyndiq aus seiner eigenen Erfahrung sehr gut nachvollziehen.

Das Learning für deutsche Online-Händler aus dem Kapitel „Fyndiq.de“ ist für ihn allerdings auch, dass Händler im E-Commerce hierzulande auf die etablierten Online-Marktplätze setzen sollten. Und dass Fyndiq tatsächlich einmal im Konzert der Großen mitspielt, war von vornherein unrealistisch. Bereits zum Start vor einem Jahr hatte ich daher prognostiziert: „Dass die Schweden hierzulande den Platzhirschen Amazon und eBay das Leben erschweren, ist unwahrscheinlich. Wenn Fyndiq hierzulande abhebt, dürften das eher die Betreiber der kleineren Online-Marktplätze zu spüren bekommen.“

Dass nun nicht einmal dieser Fall eintritt, dürfte nicht zuletzt an der Positionierung von Fyndiq liegen. Denn punkten wollte Fyndiq hierzulande bei Verbrauchern als „Schnäppchen-Superstore“ mit billigen Angeboten. Zunächst einmal keine schlechte Idee, da Deutschland ja gerne als das Heimatland der Schnäppchenjäger gilt. Aber: Günstige Preise bedeuten in der Regel auch geringe Margen bzw. kleinere Provisionen, über die sich Fyndiq als Betreiber eines Online-Marktplatzes finanziert. Hitmeister-Chef Schönbucher hatte daher bereits zum Deutschland-Start von Fyndiq vor einem knappen Jahr bezweifelt, ob das Geschäftsmodell der Schweden „ausreichend Marketingbudget für die Neukundenakquise“ hergibt. Denn ohne eine kritische Masse an Endverbrauchern, bleibt jeder Marktplatz für Händler uninteressant. Schließlich bringen die besten Konditionen wenig, wenn kaum ein Kunde kauft.

Wieviele Kunden denn Fyndiq aktuell in Deutschland hat, verraten die Schweden nicht. So heißt es nur: Man habe sich bislang darauf konzentriert, mit Händlern in Kontakt zu treten. Aus diesem Grund habe man bislang noch nicht in Marketing investiert, um Kunden auf den deutschen Online-Marktplatz zu bekommen. Gut möglich also, dass Fyndiq sich hierzulande in einem Teufelskreis tot gelaufen hat. Denn ohne Kunden ist ein Online-Marktplatz für Händler uninteressant. Und wenn die Händler ausbleiben, kommen auch keine Kunden mehr. Nach eigenen Angaben ziehen sich die Schweden aber auch wieder aus Deutschland zurück, um weiter „Wachstum und ihre Profitabilität zu sichern“ – was dafür spricht, dass es Fyndiq mit seiner Schnäppchen-Strategie in Deutschland tatsächlich schwer gehabt hat.

Der deutsche Online-Marktplatz von Fyndiq war im Juni 2015 gestartet. Händler ködern wollten die Schweden über eine günstige Verkaufsprovision von fünf Prozent in allen Sortimenten sowie dem Argument, dass Fyndiq nicht selbst auf dem Online-Marktplatz verkauft und damit Händlern im Gegensatz etwa zu Amazon keine Konkurrenz macht. Der Vorteil für Kunden war, dass sie nur einmal Versandkosten zahlten – auch wenn eine Bestellung die Produkte von verschiedenen Händlern enthielt. Denn Händler mussten lediglich ihre Ware an Kunden verschicken, auf dem Portal selbst waren sie für Endverbraucher nicht sichtbar und der Verkauf lief immer direkt über Fyndiq selbst.

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Über Stephan Randler 2194 Artikel
Stephan Randler (39) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr