„Amazon Dash“: Investiert Amazon an der falschen Stelle?

Der Online-Lebensmittelhandel gilt als einer der letzten ungehobenen Schätze im E-Commerce, was bei gerade einmal 752 Mio. Euro Brutto-Umsatz für Lebensmittel pro Jahr im Web in Deutschland auch nicht weiter verwunderlich ist. In den Staaten gibt Amazon zunehmend Gas beim Geschäft mit Lebensmitteln, der hauseigene Supermarkt „Amazon Fresh“ soll in Kürze auch hierzulande starten. Um Kunden den Online-Einkauf von Lebensmitteln zu erleichtern, testet Amazon in den Staaten mit dem „Amazon Dash“ ab sofort ein spezielles Shopping-Device:


YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden


Das Prinzip: Mit dem neuen Zauberstäbchen können Kunden einen Einkaufszettel für ihren Wocheneinkauf beim Online-Supermarkt anlegen, indem sie die QR-Codes von leeren Verpackungen scannen oder per Spracheingabe die gewünschten Produkte in den Stick sprechen. Diese Informationen werden über WLAN bei Amazon hinterlegt. Wenn Kunden dann den Online-Shop „Amazon Fresh“ besuchen, wartet auf sie ein finaler Einkaufszettel mit allen gewünschten Produkten für den Wocheneinkauf, die man dann in den virtuellen Einkaufswagen legen kann.

Das ist an sich eine sinnvolle Anwendung. Denn im Normalfall schreibt man den Einkaufszettel aktuell wohl oft von Hand, bevor man die Produkte mühsam in einem Online-Supermarkt zusammen klickt. Und eine Studie von Ernst & Young verdeutlicht: Verbraucher kaufen Lebensmittel im Internet, weil sie dadurch unter anderem Zeit sparen wollen (siehe Seite 20 im PDF).

Der Online-Lebensmittelkauf muss also zeitsparender und bequemer sein als der Gang zum Supermarkt vor Ort. Insofern hat der „Amazon Dash“ seine Daseinsberechtigung. Denn Produkte online nacheinander in den Warenkorb eines Lebensmittelhändlers zu legen, ist weder zeitsparend noch bequem. Das Shopping-Device stößt aber an seine Grenzen, wenn keine Verpackungen mehr zuhause herum liegen, um die QR-Codes zu scannen. Dann könnte man die Produkte zwar in den Stick sprechen. Gerade bei größeren Familien dürfte es aber schnell passieren, dass der Stick schlichtweg verlegt wird. Besser wäre daher eine App, die jedes Haushaltsmitglied auf seinem eigenen Smartphone installlieren und nutzen könnte. Dann würden Kunden nicht auch noch ein zusätzliches Stück Hardware zum Online-Einkauf brauchen.

Den eFood-Schatz heben dürfte Amazon mit dem aktuellen Angebot ohnehin schwer. So dürfte das Verfahren vor allem jüngere und technik-affine Kunden begeistern. Wer sich bequem beliefern lassen will, muss zudem pauschal 299 US-Dollar im Jahr für Versandkosten berappen.

Somit wirkt der Online-Supermarkt „Amazon Fresh“ sehr technisch und teurer. Erschwerend kommt hinzu, dass die Marke „Amazon“ nicht für Lebensmittel steht und sich der E-Commerce-Riese im Gegensatz zu Platzhirschen wie Rewe erst das Vertrauen seiner Kunden erarbeiten muss. Der E-Commerce-Riese wäre daher vielleicht gut beraten, die (finanziellen) Hürden für Kunden zu reduzieren und seine Lebensmittel-Kompetenz über entsprechende Kampagnen zu betonen. Sonst könnte es vielleicht doch schwierig werden, den Massenmarkt zu knacken.

Weiterlesen:

Über Stephan Randler 2796 Artikel
Stephan Randler (41) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.