3 Schwachstellen: Woran „Amazon Pantry“ noch krankt

Unter dem Motto „Amazon Pantry“ bietet der weltgrößte Versandhändler bereits seit knapp anderthalb Jahren in den USA an, dass sich Kunden typische Produkte des täglichen Bedarfs in einer speziellen Box liefern lassen können. Nun bringt Amazon den Pantry-Service (englischer Begriff für Vorratskammer) erstmals auch nach Deutschland. Doch leider krankt das Angebot auch hierzulande an zahlreichen Stellen, die bereits zum US-Start für Fragezeichen sorgten.

Amazon PantryAmazon Pantry: Eingeschränktes Sortiment, zusätzliches Porto (Bild: Screenshot)

Zur Erinnerung hier noch einmal die genauen Konditionen: Amazon Pantry ist ein Service, der sich ausschließlich an zahlende Prime-Mitglieder richtet. Wer Mitglied in diesem Programm ist, kann sich Waschmittel, Kosmetik und Lebensmittel in einer Pantry-Box zustellen lassen. Pro Lieferung fallen Versandkosten von 4,99 Euro an. Damit Nutzer die Kapazität einer Box so weit wie möglich ausreizen, gibt es eine Füllstandsanzeige. Bei einem Einkauf sehen Nutzer daher, wie voll ihre Box bereits ist und wie viele Ware sie noch in einen Karton packen lassen können.

Mit dem zusätzlichen Pantry-Service dürfte Amazon seine (Bestands-)Kunden noch enger an sich binden wollen. Deshalb ist der Service wohl exklusiv für Prime-Mitglieder verfügbar, die für eine Pauschale von 49 Euro jährlich unter anderem kostenlose eBooks und Video-Streamings bekommen. Doch gerade Prime-Kunden könnten mit dem neuen Pantry-Service schnell ihre Probleme bekommen, da der Service mindestens an drei zentralen Stellen unausgereift ist:

  • Prime-Mitglieder werden doppelt zur Kasse gebeten
    Wer Prime-Mitglied ist, bekommt neben kostenlosem Content in erster Linie kostenfreien Versand von Artikeln, die Amazon selbst anbietet. Wer sich nun aber seine Speisekammer auffüllen lassen will, muss zusätzlich knapp fünf Euro Porto bei jeder Box bezahlen. Zwar verspricht Amazon seinen Prime-Kunden eine kostenlose Lieferung nur „für eine Vielzahl von Artikeln mit Versand durch Amazon“ – und damit nicht bei allen Produkten, die Amazon selbst anbietet. Prime-Kunden dürften sich dennoch fragen, warum sie bei dem Pantry-Service nun für Artikel von Amazon erneut Versandkosten bezahlen sollen, wenn sie schon eine Jahrespauschale für das Porto entrichten. Kundenorientiert wäre, wenn Prime-Kunden den Pantry-Service exklusiv nutzen könnten – ohne zusätzliches Porto.
  • Der Pantry-Service gilt längst nicht für alle Produkte
    Eine beispielhafte Stichprobe zeigt: Wer sich zum Beispiel Spaghetti über den Pantry-Service liefern lassen will, hat eine begrenzte Auswahl. So lässt sich zum Beispiel diese Packung von Barilla in eine Box packen, während eine andere Packungsgröße der selben Marke nur regulär zu bestellen ist. Das bedeutet: Der Kunde hat beim Pantry-Service nur ein eingeschränktes Sortiment. Warum manche Produkte verfügbar sind und andere wiederum nicht, bleibt dabei im Dunkeln. Kunden dürften sich zudem fragen, warum sie ausgewählte Spaghetti zu einem zusätzlichen Porto bestellen sollen, wenn sie andere Teigwaren wiederum als Prime-Mitglied ohne zusätzliche Versandkosten bekommen.
  • Eine Pantry-Box muss man erst einmal voll bekommen
    Eine Pantry-Box rechnet sich vor allem, wenn man eine Packung voll macht. Zwar kann man auch halbvolle Boxen bestellen, dabei fallen aber die kompletten Versandkosten an. Um eine Box zu füllen, dürften viele Kunden daher über einen längeren Zeitraum immer wieder Produkte wie Klopapier, Waschmittel oder Duschgel in ihren Warenkorb legen – nämlich immer dann, wenn im Alltag so ein Produkt ausgeht. Bis dann aber eine Box voll ist, kann die Wartezeit bei anderen Artikeln zu lange werden. Oder anders ausgedrückt: Wenn das Klopapier am Montag ausgeht, wird man mit der Bestellung kaum bis Freitag warten wollen, wenn die Box voll ist – auch weil Frischeware nicht geliefert wird. Wer also Wurst oder Käse braucht und in den Supermarkt fährt, kann auch gleich sein Klopapier kaufen – wodurch wieder ein Produkt aus der Box fällt. So droht ein Teufelskreis und die Box wird nie voll, weil man immer wieder spontan einzelne Artikel vor Ort nachkauft.

So gesehen scheint es unrealistisch, dass Amazon Pantry eine große Zukunft hat – zumindest in der aktuellen Form. Entgegen halten muss aber, dass Amazon seinen Pantry-Service nun nach anderthalb Jahren Praxiserfahrung in den USA quasi unverändert nach Deutschland bringt – was ein Zeichen dafür sein könnte, dass Amazon Pantry in den Staaten funktioniert. Es muss aber nichts heißen. Denn sein Fire Phone hat Amazon ebenfalls nach dem Marktstart in den Staaten auch hierzulande angeboten – verkauft wird dieses Amazon-Smartphone heute aber gar nicht mehr. Gut möglich, dass auch Amazon Pantry wieder vom Markt verschwindet.

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Über Stephan Randler 2790 Artikel
Stephan Randler (41) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.