Nicht gerade kundenfreundlich: So will Amazon alte Prime-Kunden reaktivieren

wco_Beitrag

Funktioniert ein E-Commerce-Leben ohne Amazon Prime? Diese Frage hatte ich mir bereits vor über zwei Jahren gestellt – und nach einer gefühlten Ewigkeit meine Prime-Mitgliedschaft bei Amazon zum 23. Februar 2018 beendet. Seitdem gibt es für mich weder kostenlose Video-Streams noch den Gratis-Premium-Versand von Amazon-Artikeln. Doch habe ich diese Services vermisst? Tatsächlich eher nicht.

Amazon Prime Mailing
Post mit Gutschein von Amazon (eigenes Foto)

Das hat aber mehrere Gründe und liegt nicht allein an Amazon. Denn für mich war die Entscheidung gegen eine weitere Prime-Mitgliedschaft nicht zuletzt auch eine Entscheidung für einen bewussteren Konsum. Bei Amazon habe ich daher auch seit Februar 2018 durchaus immer wieder eingekauft.

Größtenteils handelt es sich aber bei meinen Bestellungen um digitale Inhalte wie Filme. Wirklich spannend ist daher ein Premium-Versand von physischen Gütern für mich nicht gerade. Zumal Amazon ab einem Bestellwert von 29 Euro eh auf Portokosten verzichtet (wenn man direkt beim Händler bestellt).

Dieser Standard-Versand dauert dann nach Amazon-Angaben zwar ein bis zwei Werktage, während der Premium-Versand eine Lieferung am nächsten Werktag bieten soll. Doch wenn ich ohnehin nur wenig bestelle, macht mir die längere Wartezeit auch nichts aus. Kinofilme will ich dagegen natürlich sofort sehen, wenn ich sie bei Prime Video kaufe oder leihe. Doch auch hier bringt mir die Mitgliedschaft bei Prime keine Vorteile, da viele Filme leider nicht als kostenlose Streams in der Mitgliedschaft enthalten sind. Für diese müsste ich also ohnehin immer bezahlen – auch wenn ich wieder Prime-Kunde wäre.

Amazon-Köder: 10-Euro-Gutschein für Comeback-Kunden

Trotz meiner langen Prime-Abstinenz hat mich Amazon aber nicht vergessen. Im Gegenteil. So habe ich in dieser Woche mit der Post ein zweiseitiges Mailing erhalten, mit dem mich Amazon als Prime-Kunde reaktivieren will. Und das ist durchaus interessant gestaltet. Denn der zentrale Bestandteil des Mailings ist ein 10-Euro-Gutschein. Dieser wurde nicht einfach nur auf das Schreiben gedruckt, sondern in der Form einer Bankkarte dem Mailing beigelegt und neben meiner Anschrift auf den Briefkopf geklebt.

Das wirkt schon einmal edler als eine klassische Postkarte mit Gutschein-Code, den viele Kollegen sonst gerne an Bestandskunden versenden. Wenn ich die Gutschein-Karte abnehme, lese ich auf dem Mailing zudem: „Streamen Sie jetzt los unter Amazon.de/comeback“. Dazu heißt es weiter unten im Schreiben:

„Als ehemaliges Mitglied kennen Sie bereits zahlreiche Vorteile von Amazon Prime. Werden Sie wieder Prime-Mitglied, denn jetzt lohnt es sich für Sie richtig: Wenn Sie sich bis zum 31.12.2020 für eine Prime-Mitgliedschaft entscheiden, erhalten Sie als Dankeschön einen 10 € Amazon Gutschein. Melden Sie sich hierzu auf Amazon.de/comeback an und nutzen Sie sofort alle Prime-Vorteile.“

Doch dann wird es kompliziert. Wenn ich jetzt nämlich die Landing-Page Amazon.de/comeback aufrufe, soll ich direkt eine Mitgliedschaft für 7,99 Euro im Monat buchen (siehe Foto). Und wenn ich auf „Jetzt starten“ klicke, kann ich nur noch meine Angaben bearbeiten: E-Mail, Zahlart, Rechnungsadresse und die Paket-Variante der Prime-Mitgliedschaft, die ich wahlweise für 7,99 Euro im Monat bekomme oder für eine Einmalzahlung von 69 Euro im Jahr (umgerechnet für nur 5,75 Euro im Monat). Danach soll sich der Kunde kostenpflichtig anmelden – was ich aber nicht tue. Denn wo ist denn jetzt mein Gutschein geblieben? Weder auf der Landing-Page noch bei meinen persönlichen Daten steht online was dazu.

Amazon Prime Video
Auf der Landing-Page Amazon.de/comeback fehlt die Gutschein-Info (Screenshot)

Das irritiert. Denn im Mailing steht doch ganz klar: „Gehen Sie jetzt auf Amazon.de/Comeback und sichern Sie sich Ihren 10 € Amazon Gutschein.“ Und genau das habe ich ja getan – ohne aber online irgendeine Info zum versprochenen Gutschein zu finden. Also lese ich noch einmal das Print-Mailing und sehe, dass ein Sternchen neben dem Wort „Gutschein“ klebt. Und dieser Sternchentext lautet:

„Den Gutschein erhalten Sie Anfang Februar 2021 per E-Mail an die in Ihrem Konto hinterlegte Adresse zugeschickt, sofern am 01.02.2021 die kostenpflichtige Prime-Mitgliedschaft noch besteht.“

Das ist aber längst nicht alles. Denn der Sternchentext zieht sich über insgesamt sieben Zeilen. Beim näheren Hinsehen – die Schriftgröße ist jetzt deutlich kleiner als der Marketing-Text – erfahre ich unter anderem noch, dass der Gutschein nur bis 30.06.2021 eingelöst werden kann und nicht für Angebote von Drittanbietern gilt – also für Angebote von Marktplatz-Händlern, die über Amazon.de verkaufen.

Zu viele Bedingungen: Gutschein-Marketing von Amazon verpufft

Ist das jetzt noch kundenfreundlich? Ich denke nicht. Denn kundenfreundlich wäre doch, wenn der Amazon-Gutschein auch für Einkäufe bei Marktplatz-Händlern gilt. Denn ich will mir als Kunde ja nicht den Kopf zerbrechen, wo ich den Gutschein nun überhaupt einlösen darf. Dazu stört mich, dass auf der Landing-Page zum Mailing gar nicht mehr von dem Gutschein gesprochen wird. Dieser ist zudem noch daran geknüpft, dass man mindestens bis Anfang Februar ein Prime-Mitglied bleiben muss. Warum eigentlich? Wenn der Service gut ist und viel bietet, bleibe ich als Kunde doch auch ohne Zwang. Und wenn Amazon schon alte Prime-Kunden reaktivieren will, könnte man den Gutschein doch auch direkt auf die Prime-Mitgliedschaft anrechnen und Kunden zum Comeback einen Gratis-Monat schenken.

In der aktuellen Form aber überzeugt mich Amazon nicht. Im Gegenteil. Amazon bestätigt mich sogar in meinem Urteil. Denn es gibt ein E-Commerce-Leben ohne Amazon Prime. Und das ist gar nicht schlecht.

neuhandeln.de PS: Verpassen Sie nicht mehr, was den Online- und Multichannel-Handel bewegt! Unser kostenloser Info-Dienst liefert Ihnen jede Woche alle neuen Beiträge am Freitag Abend per E-Mail in Ihr Postfach. Aktuell. Bequem. Zuverlässig. Dazu gibt es nur für Abonnenten unseres Newsletters regelmäßig Goodies wie Verlosungen von Tickets oder Rabatt-Codes für Veranstaltungen.

Über 4.510 Kollegen aus dem Online- und Multichannel-Handel sichern sich so schon ihren Wissensvorsprung. Jetzt gleich anmelden:

Ich akzeptiere die Datenschutzerklärung. Die Einwilligung lässt sich jederzeit widerrufen. *Pflichtfeld

Über Stephan Randler 2910 Artikel
Stephan Randler (42) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.

1 Kommentar

  1. Präzise – und vorzüglich wichtig.

    Wir haben es längst mit einer tumben Welt zu tum, im gesamtem Online-Leben.
    Absurd, infantil pervertiert, Zeit und Geld verschwendend.

    Gut und erhellend hier geschrieben, vor allem verständlich.
    Amazon ist nun ein Gift, längst ein Feind gesunder Gesellschaften, steuerlich, politisch, kulturell. Eine reale Dystopie im 21. Jahrhundert. Corona macht es zudem bitter deutlich.

    M. Holzinger

Kommentare sind deaktiviert.