Selbstversuch: Ein E-Commerce-Leben ohne „Amazon Prime“

Am 23. Februar ist es soweit: Nach einer gefühlten Ewigkeit endet meine Mitgliedschaft bei Amazon Prime. Und das ist auch gut so. Denn selbst wenn Amazon.de den deutschen E-Commerce dominiert und seine Marktposition immer weiter ausbaut, hat der E-Commerce-Riese mich als Prime-Kunden vergrault. Doch die Kündigung meiner Prime-Mitgliedschaft ist für mich vielleicht sogar nur der erste Schritt – in ein E-Commerce-Leben völlig ohne Amazon.de. Denn für einen Amazon-Entzug sprechen inzwischen viele Gründe – auch wenn es in der Praxis nicht einfach wird, auf Amazon zu verzichten.

Amazon Prime
Abschiedsbrief von Amazon.de (zum Vergrößern klicken)

Denn Amazon hat mich als Versandhandelskunde in den vergangenen Jahren komplett verzogen. So war es für mich zum Beispiel früher eigentlich immer selbstverständlich, erst dann online bei einem Händler zu bestellen, wenn ich verschiedene Produkte auf meiner Einkaufsliste angesammelt hatte. Dann folgte die Sammelbestellung – nicht zuletzt um einen Mindestbestellwert zu erreichen und Versandkosten zu sparen.

Heute läuft es komplett anders: Wenn ich ein Produkt benötige, wird sofort bestellt. Jeder Artikel einzeln. Denn als Prime-Kunde ist die Lieferung ja ohnehin kostenlos, wenn der Versand durch Amazon.de erfolgt.

Und weil Bestellen bei Amazon so bequem ist, wird natürlich auch dort bestellt. Andere Anbieter? Preisvergleich? Wozu? Bei Amazon finde ich ja im Prinzip alles. Und wenn ich dort schon nach einem Artikel suche, kann ich die Ware ja auch gleich bei Amazon.de bestellen. Bequemer geht es kaum.

Doch die schöne heile Amazon-Welt bekommt zunehmend Risse. So rühmt sich Amazon zwar selbst gerne damit, dass „kundenfreundlichste Unternehmen der Welt“ zu sein und „den Fokus auf den Kunden statt auf den Wettbewerb“ zu legen. Doch ist Amazon wirklich so kundenfreundlich?

Amazon hat irgendwann aufgehört, seinen Sendungen die Rechnungen beizulegen. Wenn ich aber etwas für das Geschäft bestelle, brauche ich eine Rechnung. Diese muss ich jetzt aber immer online selbst anfordern. Das nervt und geht nicht immer gut aus. Stammt die Ware von Amazon selbst, so lässt sich die Rechnung zwar leicht anfordern. Wurde bei einem Handelspartner bestellt, dann warte ich schon einmal länger auf eine Antwort – oder erhalte gar keine und werde auf Nachfrage angepflaumt.

Gute Kommunikation? „Haben einen Koffer mit DHL geöffnet“

Apropos Handelspartner: Meiner Einschätzung nach lässt Amazon die Zügel inzwischen viel zu weit schleifen, was die Qualität der Handelspartner betrifft. Allein im letzten Monat habe ich zwei Mal bei Partnern bestellt – und immer Ärger gehabt. Ein Anbieter hat die Ware wochenlang nicht geliefert, auf meine Nachfrage hieß es: „Der Kurier versucht, eine Lieferung zu machen, aber es war niemand zu holen. Kann Kontakt mit dem Träger (Skynet)“. Haben Sie verstanden, um was es geht? Ich nicht.

Beim zweiten Fall hieß es, dass es Probleme mit der Zustellung gibt – obwohl der Artikel laut meinem Kundenkonto noch gar nicht verschickt wurde. Auf Nachfrage gab es dann diese vielsagende Antwort: „Wir haben einen Koffer mit DHL geöffnet, bitte erlauben Sie uns 48 Stunden zu untersuchen.“ Will man sich das wirklich antun? Amazon mag derzeit viel in Service und Innovationen wie Dash Buttons oder den Echo-Lautsprecher investieren. Die Kommunikation auf dem Marktplatz erinnert inzwischen aber mehr an eBay-Transaktionen vor Urzeiten und wird dem Anspruch eines Marktführers nicht gerecht.

Ärgerlich ist auch, dass Amazon vor kurzem die Jahrespauschale für die Prime-Mitgliedschaft von 49 auf 69 Euro erhöht hat. Der Preis mag zwar in Ordnung sein. Schließlich ist eine Video-on-Demand-Flatrate im Paket enthalten, die bei der Konkurrenz allein rund 100 Euro im Jahr kostet. Was ist aber mit Kunden, die gar keine Bilder streamen wollen? Mich etwa interessiert das Video-Package einfach nicht. Interessant wäre für mich zum Beispiel eine Prime-Variante, die nur kostenlose Lieferungen beinhaltet. Doch Amazon lässt mir einfach keine Wahl. Entweder alles oder nichts. Und jetzt dann lieber nichts.

Die E-Commerce-Praxis wird nun zeigen, was das Prime-Aus für mich bedeutet. Im ersten Schritt sicher, dass ich wieder Artikelwünsche bündeln und eine Sammelbestellung aufgeben werde. Wenn ich denn noch bei Amazon bestelle. Denn ohne Prime-Vorteile könnte ich jetzt ja eigentlich auch vor dem Kauf einmal schauen, wer meine gewünschten Produkte sonst noch anbietet. Vielleicht wird es also auch ein E-Commerce-Leben ganz ohne Amazon? Es wäre ein großer Schritt für mich. Und ein kleiner Schritt für mehr Wettbewerb im deutschen Online-Handel. Ich werde berichten, wie mein Selbstversuch ausgeht.

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9 Kommentare zu Selbstversuch: Ein E-Commerce-Leben ohne „Amazon Prime“

  1. Lustig, ich hab denselben Vorsatz. Und schon sechs Wochen ohne Amazon geschafft und stattdessen bei Otto bestellt. Weil mir deren Sinn für unternehmerische Verantwortung einfach besser gefällt. Und ihr Umgang mit uns Journalisten. Und die Unternehmenskultur. Viel Erfolg, lieber Stephan!

  2. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung und willkommen im Club der Ex-Primer. Nur handeln (kündigen) hilft.

  3. Zum Ärger mit Marketplace Händlern:
    Man sollte natürlich auf Versand durch Amazon achten, wenn man verlässlichen Versand haben möchte.
    Rechnungen: Wir (Marketplace Händler mit FBA Versand) mailen Rechnungen an Amazon Kunden sobald Amazon die Daten bereitstellt (vollautomatisch). Leider hat Amazon öfters Schnittstellenprobleme (Aufträge nicht zum Händler übermittelt) oder Emails werden nicht korrekt an den Kunden weitergeleitet (Händler bekommen nur verschlüsselte Email Adressen).

    Als Amazon Kunde nutze ich Prime Video gern, nur für den Versand (der ab 29eur sowieso gratis ist) würde ich kein Prime buchen.

    Bestellen bei anderen Shops: Leider ist die Dateneingabe und Zahlung sehr umständlich, gerade am Smartphone. Da ist die Amazon App unschlagbar praktisch.

    Ich schätze auch die Kulanz: Ein 180eur HP Drucker wurde nach Ablauf der Garantie (1 Jahr) anstandslos zurück genommen. Kenne keinen Händler der das so macht.

  4. Naja,

    man kann ja über Amazon’s Geschäftsgebahren sagen was man will, aber diese Passage sollte denn doch nicht unwidersprochen bleiben:

    „Amazon hat irgendwann aufgehört, seinen Sendungen die Rechnungen beizulegen.“

    Stimmt. Machen wir bspw auch nicht mehr, da wir als Geschenke-Versender kaum automatisch unterscheiden können ob der Kunde bei einer abweichenden Lieferanschrift sich die Ware nur ins Büro oder direkt an den Beschenkten liefern lässt.

    “ Wenn ich aber etwas für das Geschäft bestelle, brauche ich eine Rechnung.“

    Soso. Als Privatperson bestellen, sich dadurch ein Widerrufsrecht sichern, welches Geschäftskunden nicht zusteht, aber dann mosern…

    “ Diese muss ich jetzt aber immer online selbst anfordern“

    Sorry – dies ist unrichtig. Wenn man direkt bei Amazon bestellt, findet sich die Rechnung stets zu Download im Kundenkonto. Genauso bei Händlern die den Amazon-Invoicing-Service nutzen.

    Nicht allerdings bei Marketplace-Händlern, dies ist richtig.

    Allerdings scheinen dort die Problem vor allem bei Anbietern aus dem „fernen Ausland“ aufzutreten, wenn man sich die aufgeführten Beispiele so anschaut.

    Stellt sich natürlich die Frage ob man dort rein auf den Marketplatz schimpfen sollte – oder ob der Staat / die Gesellschaft nicht auch den mündigen Verbraucher, der erkennen sollte, dass er dort gfs gefälschte Ware bezieht, die nicht den EU-Regularieen unterworfen ist und für die gfs Umsatzsteuer / Einfuhrumsatzsteuer und Zoll hinterzogen wird, in Regreß nehmen sollte. Wird in anderen Bereichen ja durchaus auch so gehandhabt.

  5. Ich hätte nie gedacht, dass Amazon Prime einmal so hochmütig wird und seinen eigenen USP von selbst außer Kraft setzt. Vom tollen Prime Service ist kaum noch etwas übrig – das ist Ebay wie zu alten Zeiten.
    Den Warenkorb muss man haargenau prüfen, denn es tauchen fast immer irgendwelche Versandkosten auf. Diese werden aber nicht einzeln, sondern als Summe angezeigt und somit geht die Sucherei los, wo die Versandkosten schon wieder her kommen. Achtung auch, dass man nicht aus China direkt bestellt. Man muss genau schauen, von wo der Marktplatzteilnehmer versendet, sonst hat man schnell Ware auf unterstem Niveau und Versandkosten mit 10-fachem Warenwert im Körbchen. Auch die Warenbeschreibungen sind kaum noch verständlich und in gebrochenem Deutsch. Schnell hat man sich da verlesen und ist baff erstaunt, dass man diese Ware dann bei Nichtgefallen scheinbar nicht retournieren darf, oder zumindest immense Versandkosten ins Ausland bezahlen muss. Ich könnte ewig so weiter schreiben, obwohl mal eingefleischter ewig langer Amazon Prime Kunde. Aber das Maß ist voll. Ich bin es leid, mich ständig zu beschweren, dann 1 Monatsrate Prime Kosten erlassen zu bekommen und das Spiel geht von vorne los. Ja, ich suche noch nach Alternativen, denn das Bestellen geht so schön schnell. Aber da muss man durch.

    • „und ist baff erstaunt, dass man diese Ware dann bei Nichtgefallen scheinbar nicht retournieren darf, oder zumindest immense Versandkosten ins Ausland bezahlen muss.“

      Die Amazon-Richtlinien besagen klar, dass im Marktplatz-Land eine Retourenanschrift zur Verfügung zu stellen ist.

    • Kann in allen Punkten nur zustimmen. Gerade die Angebote in gebrochenem Deutsch sind wirklich eine Zumutung. Keine Ahnung, warum Amazon da nicht auf mehr Qualität achtet. Denn letzten Endes fällt die schlechte Nutzererfahrung ja auf Amazon zurück und nicht irgendeinen x-beliebigen Marktplatz-Partner. So kann man seine Marke auch beschädigen…

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