Beispiel Raumschmiede: So betrifft der Krieg einen Online-Händler aus Bayern

Als Geschäftsführer der bayerischen Raumschmiede GmbH verantwortet Jürgen Schuster verschiedene Special-Interest-Shops wie Garten-und-Freizeit.de. In diesen Tagen ist der 44-Jährige aber nicht nur als E-Commerce-Profi gefragt, sondern leider auch als Krisen-Manager. Denn sein Multishop-Unternehmen kooperiert beim Tagesgeschäft eng mit einem Dienstleister, der seinen Firmensitz in Kiew hat. Was der Krieg in der Ukraine für das Geschäft bedeutet, beschreibt Schuster im Interview mit neuhandeln.de.

Juergen Schuster
Jürgen Schuster (Bild: Raumschmiede GmbH)

neuhandeln.de: Wie sehr betrifft Sie der Krieg in der Ukraine?

Jürgen Schuster: „Wir haben vor zwei Jahren begonnen, ein Team in der Ukraine über einen Dienstleister aufzubauen. Seitdem unterstützen uns die Kollegen unter anderem bei der Entwicklung, Grafik-Design und Computer-Generated Imagery (CGI) sowie in der Sachbearbeitung. Einige Mitarbeiter sind in Kiew tätig, wo unser Partner sitzt. Andere Angestellte wiederum leben in anderen Teilen der Ukraine und arbeiten im Home-Office. Insgesamt sind 35 Mitarbeiter in der Ukraine für uns tätig, der Großteil davon sind Frauen.“

neuhandeln.de: Hatten die Kollegen vor Ort denn damit gerechnet, dass die Situation so eskaliert?

Schuster: „Bevor der Krieg in der Ukraine begonnen hat, sind die Mitarbeiter bei unserem Dienstleister zunächst sehr ruhig geblieben. Viele hatten damit gerechnet, dass erst einmal nichts passieren wird – auch wenn sich die Situation vor Ort in den Tagen zuvor ja immer weiter zugespitzt hat. Auf die Flucht gemacht hatte sich zunächst trotzdem niemand. Das hat sich aber in den Tagen darauf geändert.“

neuhandeln.de: Können Sie denn beschreiben, was seit dem russischen Überfall passiert ist?

Schuster: „Ein Teil der Mitarbeiter unseres Partners hat schnell seinen Wohnort verlassen. Viele sind entweder in den Westen der Ukraine geflüchtet oder haben sich ins Ausland aufgemacht. Dabei ist der Großteil unserer Mitarbeiter – oft Mütter mit Kindern – nach Polen und Deutschland geflohen. Einige Angestellte sind aber auch vor Ort geblieben und wollen erst einmal nicht weg. Manche können leider auch das Land nicht verlassen. Diese Menschen arbeiten weiter für uns, wo es die Umstände zulassen.“

neuhandeln.de: Und das geht so einfach, wenn das eigene Land attackiert wird?

Schuster: „Tatsächlich hatten wir erwartet, dass mit dem Krieg die Ukraine plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten wird. Das ist aber nicht passiert. Viele möchten daher weiter für uns arbeiten, um sich ein Stück weit von dem Krieg in ihrem Land abzulenken. Möglich ist das aber letztlich nur Mitarbeitern, die abseits der Kriegsschauplätze wohnen und von dort aus bislang im Home-Office gearbeitet haben. Wer dagegen direkt in umkämpften Gebieten lebt oder auf der Flucht ist, kann natürlich nicht arbeiten.“

neuhandeln.de: Und wie helfen Sie dann diesen Menschen in so einer Extremsituation?

Schuster: „Alle Mitarbeiter werden von uns weiter bezahlt, auch wenn sie auf der Flucht sind und nicht für uns arbeiten können. Dazu organisieren wir zusätzlich Sach- und Geldspenden für alle Flüchtlinge. In Polen und Deutschland haben wir zudem Zimmer vermitteln können für Mitarbeiter und ihre Familien, die aus der Ukraine geflohen sind. Hier hilft uns, dass wir in Posen einen Standort haben. Vor Ort sind wir daher gut vernetzt und unsere Belegschaft hat sich für Flüchtlinge aus der Ukraine sehr engagiert.“

Raumschmiede Standorte
Die Raumschmiede hat vier Standorte in Deutschland, Polen und der Ukraine

neuhandeln.de: Nun steuern Sie ein Team, das durch den Krieg gesprengt wurde.

Schuster: „Wir haben uns bereits vor einigen Monaten darüber viele Gedanken gemacht, was denn im schlimmsten Fall auf uns zukommen kann und wie wir dann damit umgehen. Dabei hilft uns unsere generelle Herangehensweise. Denn die Mitarbeiter in der Ukraine arbeiten nicht in separaten Teams für sich. Vielmehr sind immer einzelne Mitarbeiter unseres Dienstleisters eingebunden in Teams, die in Deutschland sitzen. In manchen Teams fallen jetzt zwar einzelne Mitarbeiter aus. Es brechen nun aber nicht ganze Abteilungen auf einmal weg. Unsere Kommunikation läuft erstaunlich reibungslos über bestehende Wege weiter. Zum Teil mussten wir auf den Messenger Dienst Telegram ausweichen.“

neuhandeln.de: Wird dann nur über Projekte gesprochen – oder auch über die Situation an sich?

Schuster: „Die Arbeit ist natürlich für viele Mitarbeiter ein wichtiges Mittel, um sich abzulenken. Bei Gesprächen geht es aber auch darum, für die Mitarbeiter da zu sein. Ein ad hoc gebildetes Krisenteam und unsere Führungskräfte haben sich hier vorbildlich engagiert. Denn all unsere Mitarbeiter sind ja sehr westlich orientiert. Dass nun Russland doch die Ukraine überfallen hat, ist für sie ein massiver Schock und widerspricht all ihren Wertevorstellungen. Das kann man nicht so einfach abhaken.“

Zur Raumschmiede gehören die Online-Shops Garten-und-Freizeit.de (Garten- und Freizeitmöbel), Betten.de (Matratzen und Schlafzimmermöbel) und Piolo.de (Möbel). Die Zentrale befindet sich in Genderkingen bei Augsburg. Weitere Standorte gibt es in Heubach bei Stuttgart, bei Posen in Polen (Logistik) und der Ukraine. Im Geschäftsjahr 2021 gab es einen Brutto-Umsatz von 107,5 Mio. Euro.

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Über Stephan Randler 3045 Artikel
Stephan Randler (42) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.