„Otto Now“ gestartet: Woran das neue Miet-Portal noch krankt

Ursprünglich war der Start zwar bereits für Mitte Oktober geplant, in der Praxis hat es nun aber doch ein wenig länger gedauert: Mit knapp zwei Monaten Verspätung hat der Otto-Versand nun sein lange angekündigtes Miet-Portal „Otto Now“ gestartet, auf dem Verbraucher verschiedene Produkte nun einfach mieten können. Ansprechen soll der Service in erster Linie solche Kunden, die sich Produkte wie Smartphones, Notebooks oder Waschmaschinen nicht auf einmal leisten können oder wollen.


 

Zur Zielgruppe zählen nach eigenen Angaben daher sowohl Studenten, die sich für ihre WG nicht einfach so eine neue Waschmaschine leisten können – aber auch die so genannten „Early Adopter“, die neue Technik-Gadgets gerne ausprobieren, aber nicht unbedingt auf Dauer besitzen möchten. Das ist zumindest die Theorie. Denn ob der neue Miet-Service bei den Kunden ankommt, wird sich in den kommenden Monaten erst zeigen. Zunächst offenbart das Angebot jedenfalls einige Schwächen:

Kritikpunkt Nr. 1: Überschaubares Miet-Angebot

Der neue Service steht unter dem Motto „Einfach alles, einfach mieten“. Tatsächlich aber hat Otto zum Start gerade einmal 80 Produkte im Miet-Sortiment, die in den Kategorien Technik (z.B. Smartphones), Haushalt (Waschmaschinen, Kühlschränke) und Sport (Crosstrainer, eBikes) zu finden sind. Ganz fehlt dagegen Heimwerker-Bedarf. „Die Auswahl ist tatsächlich schwach“, bemerkt Handelsexperte Patrick Palombo, der bereits als Direktor Neue Medien für den Quelle-Konzern tätig war.

Otto argumentiert gegenüber neuhandeln.de wiederum, dass man mit dem aktuellen Sortiment gute Chancen sehe – auch weil Otto gerade im Geschäft mit weißer Ware viel Erfahrung habe.

Kritikpunkt Nr. 2: Unattraktive Mietkonditionen

Gegenüber neuhandeln.de hatte man es bereits angekündigt: Wer ein Produkt bei Otto mieten will, muss mindestens drei Monate buchen. Ein Smartphone wie das Xperia XZ von Sony kostet den Interessenten bei einem Mietpreis von 32,99 Euro im Monat daher gleich einmal knapp 100 Euro.

Stefan G. Gfrörer
Interimsmanager Stefan G. Gfrörer

„Bei Nichtgefallen ist das viel Geld“, kritisiert stellvertretend Interimsmanager Stefan Gfrörer (siehe Foto), der unter anderem schon als IT-Chef für den Elektronik-Versender Redcoon tätig war.

An der Mindestmietzeit dürfte Otto aber wohl festhalten. Wenn Verbraucher nämlich eine Waschmaschine nur einmal verwenden und gleich wieder zurückschicken, wären die Prozesskosten für Lieferung und Abholung wahrscheinlich zu hoch. Heimwerker-Ware wie Bohrmaschinen will Otto zudem ohnehin nicht tageweise vermieten, weil man hier die Baumarktketten mit ihren Verleih-Services gut aufgestellt sieht.

Abgesehen von der Mindestmietdauer bezeichnet Gfrörer die Preise von Otto aber als „fair“ – wenn auch mit einer Einschränkung. „Gut zwei Jahre Mietdauer entsprechen in etwa bereits dem Kaufpreis“, analysiert er – und das zu Recht, wie eine Stichprobe zeigt. Denn die Waschmaschine HWM510A1 gibt es bei Otto im regulären Online-Shop neu für 199 Euro. Wer die Maschine dagegen mietet, zahlt im ersten Jahr zunächst 9,99 Euro monatlich (also zusammen knapp 120 Euro im ersten Jahr). Nach zwölf Monaten sinkt der Mietpreis zwar auf 7,99 Euro im Monat, was 96 Euro im zweiten Jahr macht.

In Summe zahlen Mieter dann aber nach zwei Jahren bereits 216 Euro – und damit mehr als bei einem Sofortkauf. Otto verzichtet zudem auf die Option, dass Kunden die gemietete Ware auf Wunsch irgendwann abkaufen können – was laut den Hanseaten juristische Hintergründe hat.

„Bei langfristigen und langlebigen Gütern wie Waschmaschinen rechnet sich das Mietmodell meines Erachtens für Verbraucher nicht“, kritisiert Palombo. Ihm zufolge sei das Angebot vielleicht interessant für Kunden, die nicht sofort den vollen Kaufpreis, sondern in Raten bezahlen möchten. Das allerdings ist ja auch im klassischen Online-Shop möglich, wo Otto seiner Kundschaft einen Ratenkauf anbietet.

Kritikpunkt Nr. 3: Prominente Marken fehlen

Wer ein iPhone oder iPad mieten möchte, schaut zum Start in die Röhre. Denn Apfel-Gadgets vermietet Otto nicht. Prinzipiell dürfte sich das Sortiment zwar noch ändern. Das Angebot zum Start verdeutlicht aber auch, dass Otto bei seinem neuen Konzept von Dritten abhängig ist. So kann es gut möglich sein, dass bestimmte Hersteller ihre Produkte gar nicht vermieten lassen wollen – und Otto damit auch in Zukunft attraktive Marken im Portfolio fehlen. Erschwerend kommt hinzu, dass Otto nach eigenen Angaben nur „neuwertige“ Produkte vermietet – und nicht zwangsläufig Neuware. Zum Start ist das zwar der Fall. Sobald aber erste Kunden ihre Ware wieder zurückgeben, startet die Zweitverwertung.

Patrick Palombo
Handelsexperte Patrick Palombo

In diesem Fall werden die Produkte zwar gereinigt und geprüft. Ein neues Smartphone bekommt der Kunde dann aber nicht mehr – obwohl er im oben beschrieben Fall gleich einmal 100 Euro auf den Tisch legen muss.

Der Otto-Service hat aber auch einige Stärken. So werden die Mieten monatlich abgebucht, ohne dass sich Kunden groß um die Bezahlung kümmern müssen. Alle Produkte werden zudem portofrei geliefert, was so im regulären Otto-Shop nicht üblich ist. Im Mietpreis enthalten sind zudem kostenlose Reparaturen.

„Bei Technik könnte sich das Mieten lohnen, wenn Reparatur und Wartung inklusive ist“, überlegt Handelsexperte Palombo. Doch laut Interimsmanager Gfrörer sind die Reparatur- und Garantiefunktionen gar nicht so attraktiv wie sie scheinen. „Zwei Jahre Garantie habe ich als Kunde bei einem regulären Kauf auch so“, kritisiert er. „Hier gibt es gutes Marketing, aber wenig dahinter.“

Der Otto-Versand selbst reagiert gelassen auf Kritik. „Die Idee, Produkte auf Zeit zu besitzen, hat in Deutschland ein neues Level erreicht“, beobachtet Marc Opelt, Bereichsvorstand Vertrieb. Es sei daher jetzt schlichtweg der richtige Moment, die Bereitschaft der Konsumenten für Mietangebote zu testen.

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