Mönchengladbach bei eBay: Pilotprojekt mit Fragezeichen

Der deutsche Online-Marktplatz eBay positioniert sich weiter als strategischer Partner für den stationären Einzelhandel. Vor diesem Hintergrund wurde das Pilotprojekt „Mönchengladbach bei eBay“ gestartet, bei dem der Marktplatz mit der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach und dem eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein kooperiert. Das Ziel ist, lokalen Einzelhändlern aus der Region ein Verkaufsportal im Internet zu bieten („Local Commerce“).

Mönchengladbach bei eBayAuf einer neuen Startseite präsentieren sich lokale Händler (Bild: Screenshot)

Hintergrund des Projekts ist, dass eigenen Untersuchungen zufolge die Online-Umsätze in den kommenden Jahren in Deutschland weiter steigen sollen – und zwar nicht zuletzt auf Kosten der Einzelhändler in Klein- und Mittelzentren. Diese sollen künftig vom ECommerce-Boom ebenfalls profitieren, wenn sie ihre lokalen Angebote verstärkt online verfügbar machen.

Ab sofort können daher Gladbacher Einzelhändler ihr Ladensortiment online auf einer neuen Einstiegsseite von eBay präsentieren, die ausschließlich Angebote von Händlern aus dieser Region listet (siehe Foto). Wer am Projekt teilnehmen will, braucht ein Ladengeschäft im PLZ-Bereich von Mönchengladbach, muss ein gewerbliches Verkäuferkonto bei eBay anlegen und den Großteil seines Sortiments zur kostenlosen Abholung anbieten – was Händler nicht weiter jucken dürfte, da Kunden ja auch bei einem Kauf vor Ort die Ware kostenlos mitnehmen.

Wenn Mönchengladbacher Einzelhändler über den Online-Marktplatz verkaufen, zahlen sie die üblichen eBay-Gebühren, die für alle Verkäufer gelten. Zusätzliche Kosten gibt es nicht. Zum Start bieten rund 50 Händler aus Mönchengladbach zusammen etwa 200.000 Artikel an. Die Artikel können Kunden meist in Geschäften abholen, teilweise wird die Ware auch geliefert.

Schwachstelle: Lokalkolorit verpufft schon nach der Startseite

Für das Pilotprojekt spricht, dass lokale Einzelhändler mit eBay einen starken Partner an ihrer Seiten haben. So verfügt der Marktplatz über eine große Markenbekannheit und derzeit 17 Mio. aktive Käufer, die lokale Einzelhändler prinzipiell erreichen können. Eine starke Marke und viele potenzielle Kunden bietet zwar auch Amazon. Die Wirtschaftsförderung Gladbach hat sich aber für eBay als Partner entschieden, weil dieser Marktplatz nur als Mittler tätig ist und im Gegensatz zu Amazon nicht selbst auf seiner Plattform verkauft. Die Furcht: Bei Amazon könnten die Einzelhändler in direkten Wettbewerb mit dem Plattform-Betreiber geraten.

Diese Argumentation ist schlüssig. Genau so plausibel ist es auch, dass Mönchengladbach kein eigenes Portal gestartet hat. Zwar versuchen andere Städte mit Projekten wie der Online City Wuppertal, ihren Einzelhändlern über einen eigenen Online-Marktplatz ein Verkaufsportal im Internet zu bieten. Diese Neugründungen müssen aber erst einmal über Marketing bekannt gemacht werden, was bei eBay mit seiner etablierten Marke an sich ja nicht notwendig ist.

Doch an dieser Stelle werden auch die Schwachstellen des neuen Pilotprojekts deutlich. Denn die lokale Einstiegsseite „Mönchengladbach bei eBay“ muss man auch erst einmal bewerben, damit sich dorthin Kunden verirren. Erreichen will man das etwa über Banner-Werbung auf lokalen Websites, eBay will Bestandskunden aus der Region außerdem über Mailings ansprechen. Insofern scheint es zwar machbar, dass die lokale Seite schnell bekannt wird.

Wenn Kunden aber die neue Startseite besuchen, könnten sie den dort vertretenen Händlern gleich wieder verloren gehen. Wer sich nämlich für ein Angebot eines lokalen Einzelhändlers interessiert und eine Artikelseite aufruft, befindet sich sofort im bekannten eBay-Kosmos. In einem konkreten Fall wird diese Damenmütze zum Beispiel auf einer Artikelseite gelistet, die sich optisch nicht von allen anderen, überregionalen Angeboten bei eBay unterscheidet.

eBay ArtikelseiteAuf Artikelseiten fehlt ein Hinweis auf die lokale Startseite (Bild: Screenshot)

Auf der Artikelseite fehlt ein Hinweis auf die neue Mönchengladbacher Startseite, stattdessen wird die Mütze unter der Rubrik „Damen-Accessoires“ gelistet. Beim Klick auf diese Kategorie erscheinen dann 842.822 Angebote von allen Händlern, die solche Ware bei eBay verkaufen.

Im Idealfall kauft der Kunde aus Mönchengladbach dann trotzdem die Mütze bei einem lokalen Händler, im dümmsten Fall stöbert er weiter im eBay-Sortiment und kauft woanders ein – und dem lokalen Einzelhändler geht das Geschäft verloren. Bei reinen Lokalportalen wie der Online City Wuppertal droht das nicht, da hier ja ausschließlich regionale Angebote zu finden sind.

Ebenfalls verbesserungswürdig: Wer bei eBay.de zurück zur Mönchengladbacher Seite will und etwa „Mönchengladbach“ in die Suchmaske tippt, bekommt die neue Einstiegsseite auch nicht zu sehen. Dabei wäre es technisch primzipiell möglich. Wer nämlich „Media Markt“ in die gleiche Suchmaske tippt, bekommt als ersten Treffer einen Link zum passenden eBay-Shop.

Handelsexperte Heinemann: Pilotprojekt wird „kein Selbstläufer“

Dass eBay die lokalen Angebote wie alle anderen Artikel listet, hat natürlich auch Vorteile. So entdecken vielleicht auch eBay-Nutzer die Angebote von Mönchengladbacher Einzelhändlern, die ein bestimmtes Produkt suchen und nicht auf regionale Angebote aus sind. Diese können die lokalen Einzelhändler dann für sich gewinnen und mit ihren Produkten beliefern.

Doch spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, wie sinnvoll das Pilotprojekt wirklich ist. Denn über eBay haben schon vor dem Start des Pilotprojekts über 400 gewerbliche Händler aus Mönchengladbach verkauft, die von eBays Reichweite und Markenbekanntheit profitieren wollen – wobei es sich hier nicht nur um Händler handelt, die ein Ladengeschäft betreiben.

Wer also im Online-Handel mitmischen will, braucht das neue Angebot eigentlich gar nicht. Wer dagegen vom E-Commerce erst noch überzeugt werden muss, dürfte sich auch weiterhin in seiner Skepsis bestätigt fühlen. Denn auf eBay verkaufen Händler auch nur, wenn sie dafür ihre Angebote einstellen, Produktbeschreibungen texten und Artikelfotos schießen. Dazu muss sich der Einzelhandel mit neuen rechtlichen Themen wie dem Widerrufsrecht beschäftigen.

Die Wirtschaftsförderung unterstützt zwar teilnehmende Einzelhändler bei der Foto-Produktion und eBay selbst bietet eine Startberatung an. Für das operative Geschäft ist letzten Endes aber jeder einzelne Einzelhändler selbst verantwortlich. Der am Projekt beteiligte Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein warnte daher bereits bei der Präsentation, dass das Projekt „kein Selbstläufer“ werde – schließlich dürften viele Einzelhändler bereits heute mit dem bestehenden Geschäft in ihrem Laden aktuell genug um die Ohren haben.

Meine Prognose lautet daher: Für kleine Einzelhändler wird der Aufwand auf Dauer zu groß, um zusätzlich auch noch im Online-Handel mitzumischen. Wer dagegen im E-Commerce richtig Gas geben will, kann das auch ohne Lokalkolorit bei eBay. In einem halben Jahr wissen wir mehr. Denn laufen soll das Pilotprojekt zunächst bis Mitte 2016, dann zieht man ein Fazit.

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Über Stephan Randler 2244 Artikel
Stephan Randler (40) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr