Corona-Lockerung: So verzerrt die 800-Quadratmeter-Grenze den Wettbewerb

Ladengeschäfte dürfen nach den behördlich angeordneten Ladenschließungen wieder öffnen. Darauf haben sich Regierung und Bundesländer verständigt. Doch verkaufen sollen Multichannel-Händler nur in Geschäften, die eine Verkaufsfläche von maximal 800 Quadratmetern haben. Das sorgt für Unmut.

Einzelhandel
Nur bestimmte Läden dürfen wieder öffnen.

„Die jetzt beschlossenen Vorgaben führen zu Wettbewerbsverzerrungen und Rechtsunsicherheiten“, ärgert sich etwa Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer vom Handelsverband Deutschland (HDE). So gebe es keinen Grund, jetzt nur bestimmte Geschäfte zu öffnen. Abstands- und Hygieneregeln etwa könnten sowohl in kleinen als auch in großen Geschäften eingehalten werden.

Diese Sichtweise teilt die MediaMarktSaturn-Gruppe. Kein Wunder. Haben die stationären Märkte in Deutschland doch Verkaufsflächen von rund 1.000 bis ca. 18.000 Quadratmetern – zu viel also, um jetzt wieder aufzumachen.

„Die getroffene Entscheidung ist eine unverhältnismäßige Benachteiligung größerer Handelsflächen und führt zu einer deutlichen Wettbewerbsverzerrung“, klagt eine Sprecherin des Handelskonzerns gegenüber neuhandeln.de. Und das ist in der Tat so. Denn Konkurrent Cyberport will nächste Woche wieder seine eigenen Stores eröffnen, da hier die Flächen unter 800 Quadratmetern liegen. So darf Cyberport wieder vor Ort verkaufen, MediaMarktSaturn nicht. Ein ähnliches Sortiment wohlgemerkt.

Aus Handelssicht ist das nicht nachvollziehbar. Und aus Gesundheitsaspekten? Mit der Beschränkung auf 800 Quadratmeter sollen ja in erster Linie größere Menschenansammlungen in Innenstädten und „unkontrollierte Situationen“ vermieden werden. Viele Geschäfte von MediaMarktSaturn befinden sich aber zum einen außerhalb in Randgebieten. Zum anderen lässt sich ja in größeren Elektro-Geschäften vielleicht sogar einfacher mehr Abstand halten als in einer kleinen, vollgestopften Mode-Boutique.

Wettbewerbsverzerrung findet schon seit Wochen statt

MediaMarktSaturn sucht deshalb den Austausch mit politischen Entscheidungsträgern auf Bundes- und Landesebene. Ob es etwas bringt? Eine Wettbewerbsverzerrung findet im stationären Handel jedenfalls schon länger statt. Das ist zumindest bei mir vor Ort der Fall. Denn in Esslingen (bei Stuttgart) verkauft der Drogerie-Markt munter weiter Spielwaren, während der Spielwaren-Händler nebenan ja schließen musste. Der Lebensmittel-Discounter hat Elektronik-Artikel im Angebot, während der Fachmarkt diese Ware nicht mehr vor Ort verkaufen darf. Der neue Corona-Beschluss führt dieses Durcheinander fort.
 
Denn Buchhändler und Fahrradgeschäfte dürfen nun ihre Läden prinzipiell öffnen – egal, wie groß ihr Laden letztlich ist. Der neue Corona-Beschluss muss zudem erneut von den einzelnen Bundesländern umgesetzt werden, so dass wieder einmal verschiedene Vorgaben für verschiedene Länder drohen.

Hinter den Kulissen bereiten sich derweil die ersten Multichannel-Händler auf den Neustart nach dem Corona-Lockdown vor. Eine komfortable Ausgangsbasis hat der Fahrrad-Händler Rose, für den ja die Flächenregel nicht greift. In den eigenen Stores in Bocholt und München geht es daher am 20. April (Montag) wieder los. In Geschäften gibt es künftig unter anderem eine Schutzmaskenpflicht, die Bikes werden nach Testfahrten desinfiziert. Und um die Frequenz in den Geschäften niedrig zu halten und Warteschlangen zu vermeiden, sollen Kunden nur nach Terminvereinbarung in die Stores kommen.

Auch der Multichannel-Händler Butlers will am Montag überall dort öffnen, wo das möglich wird. Zum Einsatz kommen ebenfalls Schutzmasken, Desinfektionsmittel sowie Plexiglas an der Kasse. Ähnliches plant nun auch Zalando bei seinen Outlets. Hier sollen sechs der acht Outlets am 20. April eröffnen – wenn die Länder zustimmen. Denn die Flächen liegen über dem Limit, so dass Zalando nur Teile jetzt eröffnen will. Das ist bei den übrigen zwei Outlets nicht möglich, weshalb diese zu bleiben. Vielleicht aber kann dafür MediaSaturn ja Teile seiner Märkte öffnen – geprüft wird diese Option jedenfalls.

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Über Stephan Randler 2453 Artikel
Stephan Randler (40) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.