Re-Commerce: So sehen reBuy & Co. die Amazon-Offensive

Amazon entdeckt zunehmend das Geschäft mit Gebrauchtware für sich und nimmt über sein so genanntes „Trade-In-Programm“ seit dieser Woche auch gebrauchte Elektronik entgegen:

Amazon Trade-InBildquelle: Screenshot

„Amazon Kunden in Deutschland können ab sofort ihre gebrauchten Handys, Smartphones und Tablets mit dem Trade-In-Programm gegen Gutscheine eintauschen. Damit erweitert Amazon seinen Service, der bisher für gebrauchte Bücher, Games, DVDs und Blu-rays verfügbar war, um eine weitere Kategorie.“

Aus Sicht von Amazon ist diese Maßnahme ein logischer Schritt. Zum einen bietet der Online-Händler seinen Kunden einen zusätzlichen Service, wenn sie nun auch gebrauchte Elektronik beim Versandriesen loswerden können. Zum anderen bindet Amazon seine Kunden noch enger an sich, wenn sie für Gebrauchtware statt einem Geldbetrag einen Einkaufsgutschein erhalten – schließlich kann man diesen ja nur bei Amazon einlösen.

Hier unterscheidet sich der Ansatz von Amazon deutlich von den Geschäftsmodellen anderer Ankaufsdienste wie Momox oder reBuy, die ihren Kunden für Gebrauchtware einen Geldbetrag auszahlen (wobei es bei reBuy auch Gutscheine gibt). Wer also Geld will, muss seine alten Artikel weiterhin diesen Anbietern überlassen. Hier sieht beispielsweise reBuy für seine Kunden einen zentralen Vorteile gegenüber dem Tauschprogramm von Amazon, wie das Unternehmen auf Nachfrage von neuhandeln.de verdeutlicht (via Mail):

„Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Menschen ihre nicht mehr gebrauchten Bücher, CDs und DVDs direkt in Bargeld und nicht in neue materielle Dinge verwandeln wollen.“

In die gleiche Kerbe schlägt auch der direkte Wettbewerber Momox (via Mail):

„Bei uns erhält der Verkäufer seinen Verkaufswert als Geldwert, was für viele Kunden ein entscheidender Punkt ist.“

Sowohl Momox als auch reBuy bewerten gegenüber neuhandeln.de die aktuelle Amazon-Offensive zudem als positiv, da der E-Commerce-Riese mit seinem Vorstoß das Thema „Re-Commerce“ generell bekannter mache. So gebe es laut reBuy nach wie vor „Millionen von Haushalten, die noch nie ausgemistet haben“. Nachvollziehen kann ich diesen Optimismus allerdings nicht.

So halte ich es durchaus für ein mögliches Szenario, dass Amazon mit seinen Re-Commerce-Services die Konkurrenten platt machen kann. Allein wenn Amazon künftig für Gebrauchtware ebenfalls Bargeld bietet, geht den Konkurrenten sofort ein zentraler Kundenvorteil flöten.

Zudem dürfte es aus zwei Gründen für spezialisierte Re-Commerce-Anbieter eng werden, wenn Amazon weiter in das Geschäft mit Gebrauchtware drängt. Denn Amazon könnte Konkurrenten sowohl den Ankauf als auch den Verkauf von gebrauchter Ware erschweren:

  • Amazon erschwert das Sourcing:
    Amazon verfügt über zahlreiche Kunden in Deutschland, die das Portal immer wieder besuchen. Der ECommerce-Riese kann daher Nutzer für seinen Eintauschservice gewinnen, ohne groß in Werbung investieren zu müssen – indem der Service beispielsweise über Banner auf der Plattform beworben wird. Das ist ein großer Vorteil gegenüber reBuy & Co., die Nutzer erst auf ihr Portal locken müssen und deshalb zum Beispiel in TV-Werbung investieren. Wenn Amazon nun aber zunehmend Gebrauchtwaren verreinnahmt, kann konkurrierenden Anbietern ein großer Warenstrom verloren gehen. Ohne diesen Warenstorm fehlen dann gebrauchte Produkte, die man Endkunden verkaufen kann.
  • Amazon erschwert den Handel:
    Über den Marktplatz können Verbraucher und gewerbliche Händler bereits seit Jahren gebrauchte Ware anbieten. Damit verfügt Amazon über eine Online-Plattform, die sich bereits im Handel mit Gebrauchtware etabliert hat. Diesen Service kann Amazon nun ausbauen, wenn der Händler zusätzlich unter eigener Flagge gebrauchte Ware über sein Portal anbietet. Was genau Amazon mit den gebrauchten Artikeln macht, hat das Unternehmen zwar auf Nachfrage bislang nicht verraten. Eine Option wäre aber, die Gebrauchtware als „Amazon Warehouse Deal“ zu vermarkten. Daruch könnte das Sortiment so groß werden, dass andere Portale mit ihrem Portfolio für Kunden unattraktiv werden.

Prinzipiell könnten die Re-Commerce-Spezialisten sich natürlich auch verbreitern und immer mehr Produkte an- und verkaufen, um sich von Amazon zu differenzieren. Solche Überlegungen gibt es sowohl bei reBuy als auch bei Momox. Das zweitgenannte Unternehmen hat bereits zu Jahresbeginn angefangen, gebrauchte Bekleidung anzukaufen. Die Resonanz sei so gut gewesen, dass man aufgrund der Fülle an Kleidungsverkäufen den Ankauf für Kleidungsstücke erst einmal wieder von der Seite nehmen musste und in der nächsten Woche wieder damit starte.

Neue Kategorien kann aber auch Amazon jederzeit einführen – was der Versandriese ja gerade eben mit seinem Vorstoß in den Handel mit gebrauchter Elektronik bewiesen hat.

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Über Stephan Randler 3153 Artikel
Stephan Randler (43) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit seinen Texten, Moderationen und Vorträgen.