Comeback? Hertie bekommt (k)eine zweite Online-Chance

„Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben“: Dieses lateinische Sprichwort kommt einem unweigerlich in den Sinn, wenn man die Pressemeldung über das Comeback von Hertie.de studiert. Denn darin heißt es unter anderem:

„Die Traditionsmarke Hertie erwacht wieder zu neuem Leben – online! […] Der neue Hertie-Slogan „Viel Spaß beim Einkaufen“ erklärt sich schon nach den ersten Sekunden, die man auf der Internetseite von Hertie verbringt. Die übersichtliche Darstellung des gesamten Shops und der Produkte setzt neue Maßstäbe. Dadurch wird Hertie zusätzlich eine neue Zielgruppe an Käufern ansprechen, die keine Lust mehr auf die Unübersichtlichkeit der überladenen Internetseiten der Mitwettbewerber haben. […] Zum Glück braucht sich Hertie nicht auf eine bestimmte Zielgruppe festlegen lassen, denn das Sortiment ist tatsächlich ein Vollsortiment, so wie man es schon früher in den Hertie-Kaufhäusern erwarten konnte.“

Wir fassen also zusammen: Eine Zielgruppe gibt es nicht („nicht auf eine bestimmte Zielgruppe festlegen“), das Online-Angebot hat kein deutliches Profil („Vollsortiment“) und der Shop-Slogan könnte auch über einem Tante-Emma-Laden stehen („Viel Spaß beim Einkaufen“).

Kann so ein Konzept funktionieren? Ich denke nicht. Laut den Shop-Verantwortlichen stand die Marke Hertie zwar über einhundert Jahre für Qualität und Zuverlässigkeit. Allzu häufig wird nach der Traditionsmarke aber anscheinend doch nicht online gesucht, wie Google-Zahlen nahelegen:

Google Trends Hertie(Bildquelle: Screenshot)

Eigentlich sollte man sich doch vielmehr fragen, warum Hertie heute einer der wenigen verbliebenen Universalversender ist. Schließlich ist das Internet an sich ein Einkaufsladen, in dem quasi jedes Angebot irgendwo verfügbar ist. Vielleicht muss ich mich vor dem Einkauf zunächst registrieren, doch diese Hürde gibt’s ja auch bei Hertie.de. Deshalb bleibe ich bei Amazon – also auf einer der überladenen Internetseiten der Mitwettbewerber.

Anmerkung: Hertie.de wird von der HDK AG aus Osnabrück betrieben. Das Unternehmen hatte sich zuvor die Markenrechte aus der Insolvenzmasse gesichert.

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Stephan Randler (40) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr