Stimmen zum Start: „Allegro.de brauchen deutsche Kunden nicht“

„Finde alles, was du suchst“: Unter diesem Motto betreibt die polnische Allegro-Gruppe seit wenigen Tagen erstmals eine deutschsprachige Version vom hauseigenen Online-Marktplatz, der Verbrauchern nun auf der Website Allegro.de angeboten wird. Dort sollen Kunden künftig kaufen, weil Allegro nach eigenen Angaben gleich „Tausende Produkte zum besten Preis“ im Angebot hat. Dennoch ist es aber unwahrscheinlich, dass die Polen im deutschen E-Commerce wirklich eine große Nummer werden.

Allegro.de Online-Marktplatz
Die polnische Allegro-Gruppe ist jetzt auch in Deutschland aktiv (Bild: Screenshot)

Für diese These sprechen jedenfalls gleich verschiedene Gründe. Zum einen entert Allegro zu einem Zeitpunkt den deutschen E-Commerce-Markt, wo das Marktplatz-Geschäft in Deutschland längst von den zwei Big Playern Amazon und eBay dominiert wird. Wer hier ebenfalls mitmischen will, muss es also mit diesen beiden Platzhirschen aufnehmen – was ist in der Praxis schwer bis unmöglich ist.

Das verdeutlicht jedenfalls stellvertretend das Beispiel Rakuten. So war der japanische E-Commerce-Riese vor fünf Jahren in Deutschland mit dem Ziel gestartet, Amazon.de langfristig als Platzhirsch unter den deutschen Online-Marktplätzen abzulösen. Zu mehr als der Nummer drei nach eBay und Amazon hat es im deutschen Marktplatz-Geschäft aber immer noch nicht gereicht, seit geraumer Zeit stagniert zudem die Zahl der Handelspartner von Rakuten.de bei rund 7.000 Verkäufern in Deutschland.

„Der deutsche Markt ist gesättigt ist und es bedarf einiger Mühen, um Kunden und Händler zu überzeugen“, weiß daher Guido Schulz, Country Manager Commercial bei Rakuten Deutschland. „Wer nicht mit einer gefüllten Kriegskasse oder Mehrwerten aufwarten kann, wird es schwer haben.“

Allegro-Analyse: Kleines Sortiment, kein echter Mehrwert

Ähnlich argumentiert auch Gerald Schönbucher, der als Geschäftsführer hinter der deutschen Amazon-Alternative Hitmeister.de steht. „Wir begrüßen grundsätzlich Wettbewerb im deutschen Markt. Dass dieser aber für Anbieter aus dem Ausland auch Tücken hat, konnten wir kürzlich bei Fyndiq sehen.“

Keinen Erfolg in Deutschland hatten tatsächlich die Schweden Fyndiq, die ihren gleichnamigen Online-Marktplatz im vergangenen Jahr in Deutschland gestartet hatten. Nach nicht einmal einem Jahr wurde aber bereits wieder der Stecker gezogen, der deutsche Online-Marktplatz ist daher schon offline.

Auch hier war das Ziel sehr ambitioniert und lautete, Händlern und Kunden eine “vernünftige Alternative zu Marktführern” wie Amazon und eBay zu bieten. Doch selbst nach einem Jahr waren nur rund 1.000 Händler auf dem deutschen Online-Marktplatz registriert.

Mark Steier von Wortfilter.de
Mark Steier von Wortfilter.de

Zum Vergleich: Bei Amazon.de verkaufen derzeit über 55.000 Händler, wie eine aktuelle Analyse des Internet-Portals Wortfilter.de besagt, das sich mit dem Handel auf Online-Marktplätzen beschäftigt.

Vergleichszahlen zu Allegro.de wollte zwar weder der polnische Marktplatz-Betreiber noch dessen Eigentümer Naspers auf Nachfrage von neuhandeln.de offiziell verraten. Laut Wortfilter-Herausgeber Mark Steier (siehe Foto links) gibt es auf dem frisch gestarteten deutschen Online-Marktplatz Allegro.de aber „gerade einmal etwas über 400 Angebote“.

Websale

Mit so einem Rumpfsortiment lässt sich aber kaum ein Stich machen, wenn die Konkurrenz den Kunden mehr Auswahl bietet. In der Folge kaufen die Verbraucher daher dann auch weiter bei Amazon und eBay, so dass Händler sich schnell auf diese Online-Marktplätze konzentrieren. Dadurch wiederum bleibt das Sortiment auf alternativen Marktplätzen überschaubar, wodurch wiederum die Kunden ausbleiben. Auf diese Weise droht, dass ein neuer Marktplatz in einem Teufelskreis verendet.

Prinzipiell könnte Allegro zwar sein Angebot nach und nach erweitern, wodurch mehr Auswahl geboten wird. Aber selbst dann dürfte das Geschäft alles andere als ein Selbstläufer werden. Denn auch ein Online-Marktplatz mit einem großem Sortiment hat nur eine Chance, wenn Kunden das Angebot überhaupt kennen und darin einen Mehrwert sehen. Das schnelle Aus von Fyndiq in Deutschland dürfte jedenfalls auch damit zusammen hängen, dass sich die Schweden hierzulande als „Schnäppchen-Superstore“ positionieren wollten. Doch wer heute einen Online-Marktplatz mit günstigen Preisen sucht, dürfte bei Amazon und eBay kaufen, die für ein großes Sortiment und gute Preise stehen.

Und bei einer scharfen Positionierung hapert es auch bei Allegro.de. So ist das Kundenversprechen „Tausende von Produkten zum besten Preis“ nicht nur völlig austauschbar. Mit einer ähnlichen Positionierung sind ebenfalls bereits Amazon und eBay am Markt aktiv, die sich hierzulande bereits etabliert haben. Auch deshalb glaubt E-Commerce-Experte Steier nicht an einen Erfolg von Allegro in Deutschland, wobei er grundsätzlich eine Marktplatzvielfalt begrüßen würde. „Insgesamt wirkt der Auftritt recht primitiv“, lautet sein Fazit. „So einen Marktplatz brauchen deutsche Kunden nicht.“

Möglicherweise könnte Allegro zwar in der Praxis das Gegenteil beweisen. Dann bräuchte der Marktplatz aber nicht nur eine klare Positionierung mit Mehrwerten für Kunden gegenüber Amazon und eBay. Die Polen müssten ihr deutsches Portal auch entsprechend bewerben, um überhaupt von Konsumenten wahrgenommen zu werden. Ob und wie das geplant ist, verraten die Macher nicht.

Mit dem aktuellen Geschäftsmodell dürfte es Allegro ohnehin schwer in Deutschland haben. Denn auf dem deutschen Online-Marktplatz können nicht einfach deutsche Händler verkaufen, womit man das Sortiment ausbauen könnte. Nach eigenen Angaben arbeitet Allegro.de nur mit Verkäufern aus Polen zusammen. Das bedeutet für Kunden dann aber auch, dass sie schon einmal sechs bis acht Werktage auf Ware von polnischen Händlern warten müssen. Attraktiv ist das aber für deutsche Kunden nicht, wenn einheimische Anbieter wie Amazon.de heute die Ware bereits am selben Tag zustellen.

Vor diesem Hintergrund liegt nahe, dass die Allegro-Gruppe mit ihrem deutschen Online-Marktplatz vor allem die Bedürfnisse ihrer Handelspartner im Fokus hat und diesen einen zusätzlichen Absatzkanal bieten will. Aus Kundensicht gedacht wäre der deutsche Marktplatz damit nicht – was letztlich wohl der entscheidende Punkt sein dürfte, warum Allegro.de in der aktuellen Form kaum eine Chance hat.

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7 Kommentare zu Stimmen zum Start: „Allegro.de brauchen deutsche Kunden nicht“

  1. Also ich glaube ja, das hat er nicht so gesagt: „Auch deshalb glaubt E-Commerce-Experten Steier nicht an einen Erfolg von eBay in Deutschland“ 😉

  2. Naja, ich war ja kürzlich auf der e-Commerce-Messe in Berlin die maßgeblich von polnischen Unternehmen dominiert wurde, insofern dürfte dort auch händlerseitig einiges an power im Markt sein. Umgekehrt wollen wir schon länger auf allegro.pl starten, scheuen aber vor Sprache und anderen Probleme zurück. Wenn allegro.de hier ne Brücke zwischen Polen und Deutschland bildet, die Amazon und eBay ja genau nicht bilden und besetzen wäre dies ja schonmal ne ordentliche Nische.

    Vor allem könnte ich mir dort den strategischen Sinn vorstellen – deutsche Händler an allegro zu binden bevor Amazon mal in Polen startet

    • Wollte die Brücke nach Polen nicht DHL mit Allyouneed schlagen?

      „Der Online-Marktplatz MeinPaket.de von DHL Paket firmiert ab sofort unter der neuen Bezeichnung “Allyouneed”. Hintergrund ist, dass der Paket-Zusteller sein Marktplatz-Geschäft nun internationalisiert und bei dieser Expansion eine einheitliche Dachmarke verwenden will. Die erste ausländische Sprachversion des Online-Marktplatzes ist bereits gestartet, unter Allyouneed.com/pl gibt es ein Shopping-Portal für Kunden in Polen.“

      http://neuhandeln.de/online-marktplaetze-dhl-positioniert-meinpaket-de-neu/

      • Naja, aber welche Brücke baut ein Marktplatz der im Heimatland schon bewiesen hat, dass er es nicht kann, wenn er im Zielland aan den Markt tritt?

        Da ist der umgekehrte Weg – starker Marktplatz im Zielland geht ins Nachbarland um von dort Händler ins ursprüngliche Zielland zu locken doch eigentlich vielversprechender.

        Wobei dies natürlich nur ein Gedankenspiel ist – Ricardo.ch bekommt das mit dem Betreuen / Rüberziehen deutscher Händler in die Schweiz ja auch nicht so wirklich hin und die gehören ja zur selben Gruppe.

  3. Achso und wieso müssen Kunden dauerhaft 6-8 Tage auf ihre Ware warten nur weil diese aus Polen kommt? Amazon schaft dies Pan-Eu via Breslau doch auch oft taggleich…

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