Spurensuche: Wieso Amazon.de den Re-Commerce aufgibt

Am 31. August ist Schluss. Zumindest mit Re-Commerce bei Amazon.de. Dann nämlich stellt der Versender sein Programm „Trade-In“ in Deutschland ein, das hier vor vier Jahren gestartet wurde. Seitdem konnten Verbraucher gebrauchte Bücher, Spiele und Elektronik eintauschen, im Gegenzug wurde der Wert der eingetauschten Ware dem Kundenkonto gutgeschrieben.

Amazon Trade-InIn wenigen Tagen schließt Amazon seinen Ankaufsservice (Bild: Screenshot)

Die gebrauchten Geräte hatte ein Dienstleister für Amazon entgegen genommen, geprüft und an die Versandlager des ECommerce-Riesen geliefert, der die wiederaufbereiteten Artikel nach Informationen von neuhandeln.de dann als „Warehouse Deals“ vermarktet hat. Unter diesem Motto verkauft Amazon reduzierte Angebote von zurückgesendeten und geprüften Artikeln.

Warum sich Amazon nun aus dem Geschäft mit Gebrauchtware zurückzieht, verrät man auf Nachfrage nicht. Dabei überrascht der Ausstieg aus dem Re-Commerce. Denn in den USA wird das Programm zum Beispiel fortgeführt, nicht aber in Deutschland. Dabei brummt hierzulande das Geschäft mit Re-Commerce wie nie – was ein Blick auf spezialisierte Anbieter verdeutlicht.

Die auf den An- und Verkauf von gebrauchten Medien spezialisierte Momox GmbH aus Berlin hat beispielsweise den Netto-Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr 2014 um 14 Prozent auf 80 Mio. Euro steigern können und dabei nach zwei Jahren Pause auch wieder einmal einen Gewinn verbucht. Positiv war das vergangene Jahr auch bei der Asgoodasnew GmbH verlaufen, die gebrauchte Elektronik ankauft, diese Geräte aufbereitet und dann ebenfalls erneut online anbietet. Hier gab es 2014 ein Wachstum von 45 Prozent auf 21 Mio. Euro Netto-Umsatz.

Kennzahlen MomoxBei Momox brummt das Re-Commerce-Geschäft seit Jahren (Bild: eigene Grafik)

Auch in diesem Jahr läuft es für die Re-Commerce-Spezialisten rund. Momox etwa konnte im ersten Halbjahr 2015 erneut um 50 Prozent wachsen, die Asgoodasnew GmbH (Online-Marke „Wirkaufens„) will den Umsatz von zuvor 21 Mio. Euro auf rund 30 Mio. Euro im gesamten Geschäftsjahr 2015 steigern – was erneut ein Plus von über 40 Prozent bedeuten würde.

Unsere Entwicklung zeigt uns, dass wir als Spezialisten auf dem richtigen Weg sind„, freut sich daher Marketing-Manager Kamil Fijalkowski. „Zum einen kaufen wir jedes Jahr immer mehr Geräte an, zum anderen gibt es eine unglaublich große Nachfrage nach wiederaufbereiteter Elektronik.“

Ähnlich argumentiert auch Wolfgang Röbig, der bei der Berliner Rebuy ReCommerce GmbH seit kurzem als Chief Sales Officer für Einkauf und Verkauf zuständig ist: „Aus unserer Sicht verliert Re-Commerce keineswegs an Attraktivität und wir spüren einen enormen Zuwachs.

Amazon-Ausstieg: 3 Gründe sprechen für die Abkehr vom Re-Commerce

Interessant: Alle bekannten Re-Commerce-Spezialisten wie AsGoodAsNew, Momox oder ReBuy verkaufen ihre Gebrauchtwaren auch oft über Online-Marktplätze wie Amazon oder eBay.

Momox ist nach eigenen Angaben sogar der größte Händler in Deutschland, der über den Online-Marktplatz von Amazon verkauft. Ein Grund für den Rückzug von Amazon aus dem Re-Commerce könnte damit also sein, dass die US-Amerikaner mit ihrem eigenen Angebot an Gebrauchtwaren ihren größten Partnern das Geschäft nicht erschweren wollen. Das ist aber eher unwahrscheinlich. Schließlich heißt es ja immer wieder hinter vorgehaltener Hand, dass Amazon vielmehr die Verkäufe seiner Partner analysiert und Bestseller dann selbst verkauft.

Dass sich Amazon aus dem Re-Commerce zurückzieht, hat daher wohl eher folgende Gründe:

  • Re-Commerce wohl allenfalls ein Zusatzgeschäft:
    Auch wenn der Handel mit Gebrauchtware boomt: Die Umsätze mit alten Büchern und Tablets dürften für Amazon noch Peanuts sein. Zwar kam die Berliner Momox GmbH als der aktuell größte Player in Deutschland zuletzt auf einen Jahresumsatz von 80 Mio. Euro. Dagegen hatte Amazon aber im selben Zeitraum hierzulande einen Netto-Umsatz von 11,9 Mrd. US-Dollar erzielt (u.a. über Einnahmen aus eigenen Verkäufen und Provisionen aus dem Marktplatz-Geschäft). Selbst bei einer guten Entwicklung dürfte Re-Commerce daher nur einen Bruchteil vom gesamten Umsatz bei Amazon ausmachen, während der Händler aber parallel einen zusätzlichen Prozess in der Logistik braucht (Ankauf).
  • Gutschrift-Modell für Verbraucher weniger attraktiv:
    Wer bei Amazon gebrauchte Ware eintauscht, bekommt dafür nur einen Gutschein. Es gibt damit im Gegensatz zu Anbietern wie ReBuy kein Geld für Gebrauchtes. Laut den spezialisierten Re-Commerce-Anbietern sind Verbraucher aber in erster Linie an Geld interessiert, wenn sie alte Produkte einsenden. Nach Informationen von neuhandeln.de hat Amazon dennoch nie geplant, für Gebrauchtware auch einmal Geld auszuzahlen. Hintergrund dürfte sein, dass man das Gutschein-Modell auch in den USA verfolgt und für alle Länder einheitliche Prozesse will. Bevor man nur hierzulande den Prozess bei dem Ankaufsservice ändert, lässt man es vielleicht ganz bleiben. In den USA haben Verbraucher eine andere (Gutschein-)Mentalität, was erklären könnte, warum das Trade-In-Programm – trotz dem Aus in Deutschland – dort nach wie vor angeboten wird.
  • Für Re-Commerce bleibt der Amazon Marketplace:
    Auch wenn Kunden ihre gebrauchte Ware nicht mehr direkt an Amazon abtreten können: Wer alte Produkte loswerden will, kann diese weiter selbst über den Amazon Marketplace anbieten. Damit bietet Amazon auch in Zukunft eine Plattform für Re-Commerce, ohne selbst gebrauchte Ware ankaufen zu müssen. Das könnte auch ein Grund sein, warum Amazon sein Trade-In-Programm beendet. Verbraucher dürften gebrauchte Waren aber lieber bei Händlern bestellen als bei Privatpersonen. So geben Unternehmen wie die AsGoodAsNew GmbH bis zu 30 Monate Garantie, was es bei Privatverkäufen nicht gibt.

Die spezialisierten Re-Commerce-Unternehmen wie AsGoodAsNew, Momox oder ReBuy dürfte daher der Amazon-Ausstieg freuen. Zum einen bietet nun ein prominenter Händler weniger gebrauchte Ware auf Amazon.de an. Zum anderen dürfte das Sourcing einfacher werden.

So hatten Re-Commerce-Anbieter wie Momox und ReBuy zuletzt unter anderem beklagt, dass es „einen großen Preiskampf“ auf der Ankaufsseite gebe und der Beschaffungsmarkt bei gebrauchter Ware „tendenziell anspruchsvoller“ werde. Wenn sich Amazon nun verabschiedet, könnte das den Konkurrenzdruck etwas mildern. Die AsGoodAsNew GmbH rechnet jedenfalls damit, in Zukunft das eine oder andere gebrauchte Gerät zusätzlich ankaufen zu können. Konkurrent ReBuy bemerkt nach eigenen Angaben bereits jetzt einen „erhöhten Zulauf„.

Das dürfte das Geschäft der Spezialisten befeuern. Denn hohe Nachfrage nach gebrauchter Ware gibt es ja. Doch verkaufen können die Händler immer nur, was sie vorher ankaufen.

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