Hessnatur-Chefin Ebinger: „Wir sind kein Versandhändler mehr“

Seit einem knappen Jahr ist Andrea Sibylle Ebinger als alleinige Geschäftsführerin für die Hess Natur-Textilien GmbH verantwortlich. Im Exklusiv-Interview mit neuhandeln.de beschreibt die 45-jährige Managerin, wie sie den kriselnden Ökomode-Spezialisten seit ihrem Amtsantritt wieder auf Kurs gebracht hat – und wie sie künftig noch mehr Verbraucher für fair sowie nachhaltig produzierte Mode begeistern will. Im eigenen Online-Shop, den stationären Ladengeschäften oder auch bei Amazon.de.

Andrea Ebinger
Andrea Ebinger (Bild: Hessnatur)

neuhandeln.de: Faire Mode und Nachhaltigkeit liegen im Trend, oder?

Andrea Ebinger (45): „Tatsächlich wird „Fair Fashion“ immer beliebter. Das wundert mich aber nicht, da generell das Interesse an einem nachhaltigen Konsum in der Gesellschaft zunimmt. Und wer zum Beispiel mit einem elektrisch betriebenen Auto fährt, will auch keine Schadstoffe in seiner Hose haben. Das vergangene Geschäftsjahr 2017/2018 haben wir am 30. Juli jedenfalls mit einem deutlichen Umsatzwachstum abgeschlossen. Dazu konnten wir unser bestes Ergebnis seit fünf Jahren erreichen.“

neuhandeln.de: Vor Ihrem ersten vollen Geschäftsjahr hatte sich der Netto-Umsatz im Zeitraum 2016/17 allerdings noch deutlich reduziert, mit entsprechender Konsequenz für das Ergebnis.

Ebinger: „Damals hatte man versucht, die Marke stärker im Mainstream zu positionieren. So gingen unter anderem Bestandskunden verloren, die diesem Richtungswechsel nicht folgen wollten. Auf diese Weise hatten wir zu viel Ware vorrätig, die wir dann entsprechend rabattiert abschleusen mussten.“

neuhandeln.de: Wie haben Sie jetzt den Turnaround geschafft?

Ebinger: „Wir haben uns wieder auf unsere Stärken besonnen. Natürlich versuchen wir weiter, mit einer modernen Ausrichtung unsere Kunden zu begeistern. Doch generell soll unsere Mode wieder zeitloser sein. Denn Nachhaltigkeit und Fast Fashion – also Textilien, die schnell und günstig für nur eine Saison produziert werden – sind ein Widerspruch. Wir schärfen unsere Marke und wollen klarer zum Ausdruck bringen, wofür Hessnatur steht. Und dass unsere Mode einen höheren Wert als Fast Fashion hat, weil wir dafür hochwertige Materialien wie Bio-Baumwolle verwenden, die fair verarbeitet werden.“

neuhandeln.de: Wurde nur an der Marke und dem Sortiment gefeilt?

Ebinger: „Es wird auch viel in E-Commerce investiert. Wir sehen uns nicht mehr als Versandhändler, sondern als ein E-Commerce-Unternehmen. Immerhin machen wir bereits fast 70 Prozent unseres Umsatzes online und gewinnen die meisten Neukunden über das Internet. Deshalb konzentrieren wir uns klar auf das E-Commerce-Geschäft. Print-Anstöße sind zwar auch weiterhin wichtig, wir schauen uns aber ganz genau an, welchen Kunden wir diese senden. Papier ist ja auch ein Umweltthema.“

neuhandeln.de: Dann haben die stationären Ladengeschäfte also keine Zukunft?

Ebinger: „Unsere Mode lebt auch davon, dass Kunden einen Unterschied beim Tragen spüren. Insofern sind wir sehr glücklich mit unseren Stores in Deutschland, in denen Kunden unsere Mode anprobieren können. Eine Präsenz in großen Städten wie München und Düsseldorf ist zudem wichtig, um auch neue Kunden für uns zu begeistern, die vielleicht bei einem Stadtbummel zufällig ein Geschäft besuchen. Die Stores konnten zwar beim Umsatz zulegen und sind rentabel, neue Geschäfte planen wir aber nicht.“

neuhandeln.de: Bei Ihrem E-Commerce-Fokus ist aber nicht nur der eigene Shop relevant.

Ebinger: „Generell können wir uns glücklich schätzen, dass wir beim Online-Handel und in den Stores einen direkten Zugang zu unseren Kunden haben. Dennoch sind Online-Marktplätze wie Amazon.de für uns interessant, da sie national wie international einfach eine enorme Reichweite haben. Durch eine Präsenz können wir hier neue Kunden erreichen, die uns sonst vielleicht nie entdeckt hätten. Wir glauben fest daran, dass wir für fair produzierte Mode noch ein weitaus größeres Publikum begeistern können als es heute generell der Fall ist. Letzten Endes soll der Kunde entscheiden, was er wo kaufen möchte. Und hier kann jeder Fair Fashion Kauf einen Unterschied machen – auch bei Amazon.de.“

Hessnatur wurde 1976 gegründet und ist spezialisiert auf den Handel mit eigener biologisch und sozial fair produzierter Mode, Outdoor-Textilien und Wäsche sowie Heimtextilien. Über den Online-Handel bedient der Händler aus Butzbach (Hessen) derzeit Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zusätzlich gibt es ein Outlet am Firmensitz in Butzbach sowie Stores in Butzbach, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und München. Hessnatur beschäftigt aktuell rund 340 Mitarbeiter.

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Über Stephan Randler 2145 Artikel
Stephan Randler (39) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr