Viel Glitzer, kein Mehrwert: Otto-Versand testet NFC-Chip

Wer vor kurzem einen Kaffee-Vollautomaten bei Otto geordert hat, könnte in den nächsten Tagen noch Post von den Hanseaten bekommen – zumindest, wenn es sich bei dem neuen Automaten um ein Modell von Saeco oder DeLonghi handelt. Denn bei nun insgesamt vier Automaten dieser Marken testet der Otto-Versand einen neuen Service, dank dem Kunden künftig schneller Antworten auf typische Fragen zu gekauften Produkten erhalten sollen.

Otto Service-ButtonOtto-Kunden können einen Chip auf ihre Produkte kleben (Bild: Otto Versand)

Und so sieht das dann zum Beispiel in der Praxis aus: Kunden von Otto erhalten per Post einen Briefumschlag, in dem ein Chip in der Größe einer 2-Euro-Münze steckt. Diesen Chip kann man dann auf den kürzlich gekauften Kaffeeautomaten kleben (siehe Foto). In einem zweiten Schritt sollen Kunden dann ihr Smartphone vor den Otto-Kleber halten, wenn sie Fragen zum Produkt haben und beispielsweise wissen möchten, wie man die Kaffeemaschine entkalken kann.

Wenn Nutzer nun ihr Smartphone an den Otto-Sticker halten, erscheint auf ihrem Gerät eine passende Produktseite aus dem Online-Shop von Otto. Das passiert, weil über die Funktechnik „Near Field Communication“ (NFC) die passende URL auf das Smartphone gespielt wird.

Auf der Produktseite im Otto-Shop finden Nutzer nun zum Beispiel die Bedienungsanleitung ihres Automaten und sollen so nachlesen, wie man die Maschine entkalken kann.

Ziel ist nach eigenen Angaben, mit „dem cleveren Einsatz von Technologie“ den Kunden einen besseren Service zu bieten. Otto testet die neue Anwendung zunächst in einem Pilotprojekt über mehrere Monate. Dann will der Universalversender entscheiden, ob weiter in den NFC-Service investiert wird. Das ist aber wohl eher unwahrscheinlich, da die neue Anwendung bei näherem Hinsehen dann doch weit entfernt von einem „cleveren Einsatz von Technik“ ist – auch wenn der Otto-Service im ersten Moment an den neuen Dash-Button von Amazon erinnert.

Den Dash-Button bietet Amazon seit ein paar Monaten seinen Prime-Kunden in den USA an. Diesen sollen Nutzer zum Beispiel an ihrer Waschmaschine anbringen und dann mit ihrem WLAN und Amazon-Konto verbinden. Hier kann man dann unter anderem festlegen, dass bei einem Klick auf den Button an der Waschmaschine das Pulver einer bestimmten Marke bestellt werden soll. Wenn das Waschmittel ausgeht, muss man dann nur noch einmal auf den Button drücken – und schon wird das gewünschte Produkt bei Amazon geordert (siehe Video).

Im direkten Vergleich dazu wirkt der Otto-Service geradezu antiquarisch. Zwar kommt mit NFC eine moderne Technik zum Einsatz, einen handfesten Mehrwert schafft der Chip für Kunden dennoch nicht. Denn der Kunde wird über den Chip ja nur in den Otto-Shop geleitet, den er auch ohne modernen Hightech-Schnickschnack aufrufen kann. Das müssen Otto-Kunden sogar tun – wenn ihr Smartphone nämlich gar kein NFC unterstützt. In diesem Fall sollen Nutzer eine Internet-Adresse auf ihrem Smartphone eintippen, die auf dem Chip aufgedruckt ist.

Otto ProduktassistentOtto-Kunden schubst NFC lediglich in den gewohnten Shop (Bild: Otto Versand)

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Diesen recht mühsamen Weg dürften Kunden durchaus in vielen Fällen gehen. Zwar läuft NFC momentan bei den meisten Android- und Windows-Geräten. Bei Apple-Geräten aber lässt sich NFC-Technik zum Beispiel aktuell nur mit dem hauseigenen Bezahlsystem Apple Pay nutzen.

Doch auch auf Windows- und Android-Geräten ist NFC kein Selbstläufer. Denn bei manchen Geräten müssen Nutzer die Funktechnik unter Umständen erst aktivieren. Damit ist NFC fast so Usability-feindlich wie ein QR-Code, den Kunden auch erst mit ihrem Smartphone einlesen können, wenn sie zuvor eine entsprechende App auf ihrem Smartphone installiert haben.

Zwar ist bei Amazon auch nicht alles rosig. So müssen Kunden jeden Dash-Button zunächst mit ihrem WLAN verbinden, was weniger Technik-affine Nutzer überfordern könnte. Bevor man mit einem Klick bestellen kann, muss man zudem erst festlegen, welches Produkt dann überhaupt gekauft werden soll. Über jeden Dash-Button lässt sich zudem nur ein Produkt bestellen. Wer neben Waschmittel etwa auch Kaffee über einen Button ordern will, muss einen zweiten Dash kaufen, erneut mit WLAN und Amazon-Konto synchronisieren und am Automat anbringen.

Der entscheidende Unterschied aber ist: Wenn die Dash-Buttons einmal eingerichtet sind, lässt es sich bequem online ordern – ohne dass man dazu noch den klassischen Shop braucht. Otto dagegen schickt seine Kunden immer wieder über die NFC-Technik in den gewohnten Online-Shop – den Kunden letztlich auch über eine Direkteingabe der URL aufrufen können.

Wo der Dash-Button von Amazon also den Gang in den klassischen Online-Shop überflüssig macht, verkompliziert der Otto-Versand den Zugang zu seinen Produktinformationen.

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