„Allyouneed City“: DHL versucht sich am nächsten Online-Marktplatz

Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt doch noch ein Marktplatz her: So könnte man jedenfalls das aktuelle Marktplatz-Fieber erklären, das derzeit in der Handelsbranche grassiert. Denn aktuell starten immer mehr E-Commerce-Unternehmen neue Online-Marktplätze. Bestes Beispiel dafür ist das neue Online-Projekt Allyouneed City, mit dem Paket-Zusteller DHL nun stationären Händlern aus Bonn eine Plattform im Internet bieten will. Dabei hat DHL in den vergangenen Jahren bereits erfahren müssen, wie schwer es in der Praxis sein kann, einen weiteren Online-Marktplatz zu etablieren.

Allyouneed.de
Der Online-Marktplatz MeinPaket.de wurde von DHL bereits umbenannt (Bild: Screenshot)

Denn DHL hatte unter dem Namen MeinPaket.de bereits im Herbst 2010 einen Online-Marktplatz gestartet, der offiziell zwar nicht als Konkurrenz zu Amazon oder eBay konzipiert war, mit seinem Universalangebot aber dennoch ähnlich aufgestellt wurde.

Während aber eBay nach eigenen Angaben durchschnittlich Artikel von 175.000 gewerblichen Anbietern auf dem Marktplatz führt, kommt das DHL-Portal aktuell nach wie vor nur auf rund 3.000 Händler.

Vor zwei Jahren wurde das Portal dann umbenannt in Allyouneed.de, um das Marktplatz-Geschäft mit dem englischen Namen zu internationalisieren.

Gestartet wurde zunächst eine weitere Marktplatz-Variante für Kunden in Polen, um „eine hervorragende Grundlage“ für eine weitere Europa-Expansion zu schaffen. Weitere Länder-Versionen wurden aber bis heute nicht gestartet, der polnische Online-Marktplatz bereits im vergangenen Herbst wieder beerdigt. „Der Marktplatz in Polen war 2015 als ein Pilotprojekt gestartet und ist als solches abgeschlossen“, argumentiert nun DHL-Sprecherin Dunja Kuhlmann. „Wir prüfen das Potenzial für weitere Marktplätze, bis auf weiteres konzentriert sich Allyouneed aber auf den deutschen Markt.“

Zu dieser Strategie gehört nun auch, unter dem Namen „Allyouneed City“ einen weiteren Gehversuch zu unternehmen. Der Grundgedanke bei diesem Local-Commerce-Projekt: Rund 2.000 Händler aus der Bundesstadt Bonn sollen die Möglichkeit erhalten, ihr stationäres Geschäft über einen lokalen Online-Marktplatz zu bewerben und so vom E-Commerce-Boom in Deutschland zu profitieren. Dabei können Händler für sich entscheiden, ob sie nur ihr Geschäft auf der Online-Plattform bewerben oder dort auch gleich ihr Sortiment zum Online-Shopping anbieten. Die Grundgebühr für die Nutzung startet bei 39,90 Euro im Monat. Dazu kommt eine Verkaufsprovision in Höhe von zwölf Prozent, die sämtliche Kosten für Bestellabwicklung, Marketing, Zahlungsabwicklung und Marktplatzprovision abdecken soll. Starten soll das neue Local-Commerce-Projekt offiziell „pünktlich zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft“.

„Marktplätze das Schwierigste, was man online versuchen kann“

„Mit dieser Local-Commerce-Initiative wollen wir den Einzelhändlern in Bonn einen einfachen Zugang zu einem Wachstumsmarkt ermöglichen“, argumentiert Achim Dünnwald, CEO von DHL Paket. Doch dabei übersieht er, dass Verbraucher zwar verstärkt im Internet einkaufen. Damit die Kunden aber auch einmal auf dem lokalen Marktplatz „Allyouneed City“ landen, muss DHL kräftig trommeln – und zwar sowohl bei Verbrauchern als auch potenziellen Handelspartnern. Um beide auf den Marktplatz zu bekommen, werden momentan lokale Händler angesprochen. Zum offiziellen Start soll es zudem eine regionale Werbe-Kampagne geben, um das Portal bei Kunden bekannt zu machen.

Gerrit Heinemann
Prof. Dr. Gerrit Heinemann

„Neue Marktplätze müssen massiv in Werbung investieren, um schnell eine relevante Reichweite aufzubauen“, weiß Handelsexperte Gerrit Heinemann (siehe Foto), der das eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein leitet. „Doch durch Werbung generierte Reichweite wirkt nur dann nachhaltig, wenn es beim Besuch des Portals keine Enttäuschung gibt.“

Diese sei aber vorprogrammiert, wenn auf einem Marktplatz nur wenige Händler vertreten sind und damit das Angebot überschaubar ist. Bei lokalen Markplätzen droht dieses Szenario besonders, da das Einzugsgebiet begrenzt ist und ja nur wenige Händler aus der Region dort verkaufen sollen.

Doch auch diese dürften sich zunächst fragen, ob sich die Präsenz auf einem Local-Commerce-Portal überhaupt für sie lohnt. „Wieso sollten potenzielle Partner selbstlos neue Marktplätze anfüttern, wenn diese vielleicht noch gar keine attraktiven Reichweiten bieten können?“, fragt Heinemann.

Damit droht ein Teufelskreis: Ohne Kunden kommen keine Händler, ohne Händler keine Kunden. „Marktplätze sind das Schwierigste, was man im Internet versuchen kann“, mahnt Heinemann daher. Erfolgreiche Marktplätze brauchen ihm zufolge zudem nicht einfach nur ein passendes Angebot, sondern auch ein Killer-Feature. „eBay etwa konnte den Marktplatz nur über das Auktionsgeschäft aufbauen, Amazon bietet die mit Abstand größte Sortimentsauswahl“, weiß Heinemann.

Dem Local-Commerce-Portal „Allyouneed City“ dagegen fehlt bislang so ein Killer-Feature. Dabei braucht es eigentlich beides nicht – weder Killer-Feature noch einen weiteren Online-Marktplatz. Denn wenn der Bonner Einzelhandel tatsächlich vom E-Commerce-Boom profitieren will, muss er einfach dort verkaufen, wo die Kunden bereits präsent sind. Und damit wären wir halt doch bei Amazon und eBay.

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2 Kommentare zu „Allyouneed City“: DHL versucht sich am nächsten Online-Marktplatz

  1. Wahrscheinlich sind die vielen „Marktplatzgründer“ doch etwas verwirrt von den vielen Berateraussagen „Gründet eure eigene Plattform“, und haben dabei vollkommen falsch (oder gar nicht) verstanden (weil es auch immer wieder falsch erzählt wird) was damit gemeint ist. Es geht nicht darum, in der heutigen Zeit noch einen Marktplatz zu gründen, sondern eine Plattform. Marktplatz kann dabei eine Facette sein… zu dumm, dass die vielen neuen Marktplätze (auch mytoys versucht das jetzt) bald wieder verschwunden sein werden. Die Kosten zur Erschaffung eines echten „Marktplatzes“, der nicht nur eine Preissuchmaschine ist, rechtfertigen wahrscheinlich nicht den Gewinn, der erzeugt werden wird. Die Schaffung von Plattformen, die echte Mehrwerte bieten, ist die wahre Lösung, nicht das bündeln von Produkten. Das ist (erst Recht im regionalen Kontext), eher ein Mammut-Projekt mit Mikroskopischen Gewinn- und damit Erfolgsaussichten.
    Wer wissen will, wie es richtig geht, kann sich ja mal mit den Plattformen Google oder Amazon (nicht nur Marcetplace) beschäftigen, oder unter http://diconium.com/news das Paper suchen, welches sich mit dem Thema etwas expiziter beschäftigt. Ich bin ehrlich gesagt etwas irritiert von der Marktplatz-Manie, die sich gerade entfaltet.

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