Analysten warnen: Haustür-Zustellung wird bald zu einem „Luxusgut“

Das Ende der kostenlosen Haustür-Paketzustellung naht: Dieses Szenario prognostiziert jetzt jedenfalls die Strategieberatung Oliver Wyman in ihrer neuen Markt-Analyse „Letzte Meile 2028“. Die zentrale Aussage: Wenn immer mehr Kunden online bestellen, lässt sich die Paketflut in Deutschland nur mit zusätzlichen Lieferfahrern stemmen. Und dadurch steigen wiederum die Personalkosten stark an.

Hermes Paketzustellung
Kommt der Paketbote bald nicht mehr nach Hause? (Bild: Hermes)

Denn bereits heute herrsche ein akuter Fahrermangel, dem nur mit höheren Löhnen begegnet werden könne. Dieses Problem verschärfe sich künftig, wenn noch mehr Zusteller benötigt werden. „Noch sind die Preise für die Auslieferung von Paketen zur Haustür sehr niedrig“, warnt Michael Lierow, Partner bei Oliver Wyman. „Doch das wird sich sehr bald ändern.“

Seiner Einschätzung zufolge wird daher die klassische Haustürzustellung für Verbraucher bereits in zwei Jahren ein „Luxusgut“ sein. Lierow: „Besteller müssen mit Zusatzkosten rechnen.“ Oder Kunden holen sich künftig ihre Pakete alternativ eben verstärkt selbst vor Ort in Paket-Shops ab.

Mit dieser Marktprognose befindet sich Oliver Wyman jedenfalls in prominenter Gesellschaft. So hat vor einem guten Jahr bereits das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) davor gewarnt, dass mit den bestehenden Zustellkonzepten die steigende Paket-Flut auf Dauer nicht zu bewältigen sei. Händler und Zusteller sollten daher ihre Kunden sensibilisieren, verstärkt auch Alternativen zur Haustürzustellung anzunehmen – etwa eine Lieferung an den Arbeitsplatz oder die Zustellung in eine Packstation. „Die Haustür-Zustellung entwickelt sich zu einer Premium-Leistung“, glauben auch die Kollegen vom IFH.

Und der Markt gibt ihnen zunächst Recht. So hat Hermes zum Beispiel vor wenigen Monaten verlauten lassen, dass für die Zustellung an die private Adresse eines Verbrauchers einmal ein Aufschlag fällig werden soll. Im Vergleich könnte dann eine Zustellung an einen Hermes-Paketshop günstiger sein, weil Hermes hier ja mehr Sendungen auf einen Schlag los wird – was die Zustellkosten pro Paket drückt.

Paketzustellung

Aus Kundensicht gedacht ist das aber nicht. Denn es gibt ja gute Gründe, warum Verbraucher online bestellen und eben nicht im stationären Einzelhandel kaufen. Und ein Faktor ist für viele Verbraucher eben, dass sie die Ware bequem nach Hause erhalten und eben nicht dazu in ein Geschäft gehen müssen. So zeigt zum Beispiel die IFH-Analyse deutlich, dass Verbraucher ihre Pakete nach wie vor am liebsten zu Hause erhalten (siehe Grafik) – auch wenn Zusteller verstärkt neue Paketshops eröffnen.

Dort aber lagern immer nur die Pakete eines Zustellers. Wer also mehrere Pakete erwartet und zum Beispiel von DHL und Hermes beliefert wird, kann für die Abholung also gleich mehrere Paket-Shops ansteuern. Diese sind zudem nur zu bestimmten Zeiten geöffnet und liegen vielleicht auch nicht immer geschickt für jeden einzelnen Verbraucher. „Wenn der Kunde alles abholen soll, kann er auch gleich vor Ort kaufen“, argumentiert E-Commerce-Coach Ralph Hesse daher im Podcast von neuhandeln.de.

 

Dass werden sich Verbraucher erst Recht denken, wenn sie Pakete nicht abholen wollen und dann für den Versand nach Hause plötzlich einen Aufpreis bezahlen sollen. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass Verbraucher künftig bereitwillig für einen Service bezahlen, den sie bislang umsonst bekamen.

Für diese These spricht, dass sich Paketkästen bisher am Markt nicht wirklich durchsetzen konnten. Auch hier müssen Kunden schließlich eine Box kaufen, um dann zu Hause letztlich „nur“ ein Paket anzunehmen – wobei man hier ja noch einen Mehrwert hat und Pakete auch in Abwesenheit erhält.

Rudolf Hämel
Rudolf Hämel (Bild: LogReal)

„Die Haustür-Zustellung als Premium-Service wird sich nicht durchsetzen“, glaubt auch Logistik-Experte Rudolf Hämel (siehe Foto), Geschäftsführer der auf Immobilien für Online- und Multichannel-Händler spezialisierten LogReal.DieLogistikImmobilie GmbH, die neuhandeln.de als Sponsor unterstützt. Ihm zufolge liegt es aber längst nicht nur an den Kunden: „Die Großen der Branche wie Amazon.de werden das nicht unterstützen.“

Eine logische Schlussfolgerung. Schließlich können sich Online-Händler einen direkten Wettbewerbsvorteil sichern, wenn sie Kunden auch in Zukunft zu Hause weiter ohne Aufpreis beliefern.

Wenn dann die Konkurrenten für den selben Service plötzlich mehr Porto wollen, dürften Kunden dort kaufen, wo es keinen Aufpreis für die Haustür-Zustellung gibt. Vor allem bei preistransparenten und vergleichbaren Sortimenten dürften Händler daher kaum einmal einen Aufpreis für die Zustellung an der Haustür durchdrücken können. Dennoch werden die Preise der Zusteller wohl weiter anziehen.

Diese Zusatzkosten könnten Versender zum Beispiel in ihre Produktpreise einkalkulieren, wenn sie eigene Marken oder exklusive Sortimente haben. Einfach das Porto zu erhöhen, wird dagegen eher schwierig. „Noch spüren Verbraucher nichts von dem steigenden Kostendruck, denn Preissteigerungen konnten sich im Markt bisher nicht durchsetzen“, weiß auch Michael Lierow, Partner bei Oliver Wyman.

neuhandeln.de

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Über Stephan Randler 2268 Artikel
Stephan Randler (40) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr

4 Kommentare zu Analysten warnen: Haustür-Zustellung wird bald zu einem „Luxusgut“

  1. Brauchten wir für diese Erkenntnis die Analysten von Oliver Wyman? Wo ist denn das Drama, wenn die Zustellung an die Haustür extra kostet?

    Ansonsten nicht nachvollziehbar…wenn angenommen 50% mehr Pakete verschickt werden, heißt das 50% mehr Einnahmen für die Paketdienstleister und das müsste doch mit 50% mehr Personal zu bewältigen sein. Wenn nicht, stimmte das Geschäftsmodell vermutlich schon vor der Steigerung nicht.

    Kann mir als Großeinlieferer mit einem Paketpreis von 3,xx auch nicht vorstellen, dass das Paketgeschäft wirklich rentabel ist. Die Haustürzustellung kostenpflichtig zu machen gegenüber einer Lieferung in einen Paketshop ist daher nur konsequent.

    • 3,xx ist ja auch noch nicht das untere Ende der Fahenstange
      warum zumindest DHL noch nicht deutlicher auf die Preistube gedrückt hat, ist mir total unklar

      • Aufgrund der Quersubventuon ist das nicht notenwedig. Nun wird hier das Porto kräftig angehoben. Aufgrund der Steuervorteile (DHL zählt keine Umsatzsteuer) besteht ein weiterer Wettbewerbsvorteil.

  2. Ich als Kunde bevorzuge die Lieferung an einen Paketshop, von dem ich meine Sendung abhole, wenn ich Lust und Zeit dazu habe. In meinem Fall liegt ein Hermes-Paketshop drei Fußminuten neben meiner Wohnung. Und dieser hat auch samstags geöffnet.

    Für mich besteht das Problem eher daran, dass bei vielen Bestellungen der Paketshop gar nicht als Ziel gewählt werden kann. So hat Hermes erst im Februar seine Bestimmungen dahingehend geändert, dass alle Paketklassen im Privatgeschäft auch direkt an einen Paketshop adressiert werden können. Vorher war dies nur bei S-Paketen möglich. Was ein Schwachsinn!

    Oder bleiben wir bei Amazon. Hier sind Sparabo-Sendungen bis heute nicht an einen Hermes-Paketshop adressierbar. Der Grund ist unbekannt, denn Lieferungen an DHL-Packstationen sind möglich.

    Oder sinnfreie Ausschlüsse. Deospray an einen Hermes-Paketshop liefern lassen? Unmöglich! Die Sendung nachträglich umlenken an einen Hermes-Paketshop? Kein Problem.

    Wenn sich Versender und Logistiker derart idiotisch anstellen, brauchen sie sich über entstehende Probleme auch nicht wundern.

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