Authentische Bewertungen? MediaMarkt testet Video-Rezensionen

Die MediaMarktSaturn-Gruppe startet das nächste interessante Pilotprojekt. Nachdem der Konzern erst einen kassenlosen Elektronik-Markt in Österreich eröffnet hat, betrifft die aktuelle Neuerung aber den deutschen Online-Shop der Vertriebsmarke MediaMarkt. Hier finden Verbraucher ab sofort neben den klassischen Produktbewertungen in Textform erstmals auch Video-Rezensionen, die Kunden jetzt die Kaufentscheidung erleichtern sollen. Ob das aber tatsächlich gelingt, steht auf einem anderen Blatt.

Media Markt Video
MediaMarkt verkauft nun über Online-Videos (Bild: Media-Saturn)

Denn punkten will MediaMarkt in seinem Online-Shop nun zwar damit, dass die brandneuen Video-Reviews „authentisch“ als auch „aussagekräftig“ wirken sollen und damit im Idealfall bei den Konsumenten auch Vertrauen schaffen. Dieses Vorhaben wird aber dadurch wieder konterkariert, dass MediaMarkt nur ausgewählte Video-Rezensionen zulässt.

Konkret werden nämlich nur Videos eingebunden, die bereits zuvor auf der Online-Plattform „weview“ veröffentlicht wurden (siehe Beispiel-Video unten). Diese Video-Community betreibt die weview GmbH aus München, die sich wiederum über Prämien der Händler finanziert.

Einen Teil davon erhält der Nutzer, der ein Video-Review auf der Online-Plattform veröffentlicht. Nach Angaben des Plattform-Betreibers sind zwar alle Online-Rezensionen zu „100% ehrlich und von echten, unabhängigen Nutzern“. Dazu gebe es keine Videos von Unternehmen und Nutzer dürften keine Clips veröffentlichen, wenn sie das vorgestellte Produkt selber verkaufen oder dafür vom Hersteller bezahlt werden. So will man nach eigenen Angaben zwar Schleichwerbung und Fake-Rezensionen vorbeugen und Nutzer zudem darin bestärken, ehrlich zu berichten – auch wenn ein Produkt nicht gut sein sollte.

Fakt ist aber auch: Nutzer können kein Video veröffentlichen, ohne jedem Produkt einen Link von einem Partner-Shop zuzuordnen. Dazu erhält nun einmal ein Nutzer eine Umsatzprovision an allen Käufen, die durch seine Empfehlung zustande gekommen sind. Können aber Video-Rezensionen authentisch sein, wenn sich der Inhalt über Verkaufsprovisionen finanziert? Möglich ist das wohl. Allerdings bleibt ein Nebengeschmack, dass Nutzer nur Videos veröffentlichen, um Geld zu verdienen. So gesehen hätte ein Nutzer mehr von seiner Arbeit, wenn er ein Produkt gut darstellt – und es sich dadurch mehr verkauft.

 

Weiterer Fallstrick: Wenn ein Nutzer das Portal missbraucht, kann das auf die anderen Videos abfärben und diese ebenfalls in ein schlechtes Licht rücken. Frei nach dem Motto: Auf Plattform XY gibt es eh nur gekaufte Rezensionen. Unverständlich daher, dass die Gruppe überhaupt ein Modell nutzt, bei dem Nutzer für ihren Video-Content vergütet werden. Denn so lange Geld für Bewertungen fließt, wirken Rezensionen kaum authentisch. Besser wäre daher ein Modell, wie es Amazon bereits seit Jahren verfolgt. Hier können Nutzer bei ihren Bewertungen eigene Videos im Online-Shop hochladen. Eine Vergütung gibt es nicht – und damit auch keine Diskussion um gekaufte Inhalte. Denn wer ein Video bei Amazon hochlädt, macht das wohl in erster Linie aus dem Antrieb heraus, weil er was zu sagen hat.

Die weview GmbH gehört zu den Start-Ups, die Media-Saturn über das Förderprogramm Retailtech Hub begleitet. Aktuell sind rund 200 Video-Reviews im Online-Shop verfügbar. Nach einer Testphase soll über eine weitere Zusammenarbeit entschieden werden. Danach wissen wir dann wohl, ob der Konzern über die Videos mehr verkauft und Nutzer die Inhalte auch als authentisch wahrnehmen.

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Über Stephan Randler 2151 Artikel
Stephan Randler (39) ist Autor und Herausgeber von neuhandeln.de - einem Online-Magazin für Entscheider im E-Commerce. Zuvor war er Chefredakteur vom "Versandhausberater". Als Fachjournalist begleitet er die E-Commerce-Branche bereits seit 2004 - mit Texten, Moderationen und Vorträgen. mehr