„Ärmel hochkrempeln“: So klappt es mit der digitalen Transformation im Handel

Das breite Spektrum der digitalen Transformation bewegt sich auch im Jahr 2018 zwischen viel heißer Luft und wenig visionären Best Practices. „Lower your Expectations!“, heißt es dann in der Sprache der Unternehmensberater, wenn sie notorische Unzufriedenheit im Management von Händlern und Herstellern zu dämpfen versuchen. Wie diese die digitale Transformation dennoch meistern, beschreibt Geschäftsführer Christian Grötsch von der dotSource GmbH.

Digitale Transformation
Nur wer anpackt, kann auch etwas erreichen

Händler dürften nicht sofort mit dem großen Wurf rechnen. Sie müssten der Prozessoptimierung und Veränderung Zeit geben. Das Tal der Tränen müsse mutig durchschwommen werden, um am Ende wieder Land zu sehen.

Da sitzt nun der Unternehmer und hat seine Taschen voll mit solchen Metaphern. Immerhin ist da wieder Platz, hat er die mehr oder weniger tiefgründigen Berater-Botschaften doch vorher meistens auch noch teuer eingekauft. Doch an der Meeting-Kultur, dem Agenda-Setting und den starren Hierarchien im eigenen Unternehmen ändert sich zunächst einmal: nichts.

Lediglich die Powerpoint-Folien werden hübscher, mit denen zur digitalen Transformation angestoßen werden soll. Und die Rede von der Vision vielleicht rhetorisch ausgefeilter. Doch dynamische Matrix-Strukturen im Management? Externe Workshop-Moderatoren? Neue Methoden? Time-Boxing?

Fehlanzeige. Stattdessen landet auch weiterhin jeder zweite Euro im E-Commerce bei Amazon. Doch welche Erfolgsfaktoren der digitalen Transformation können Unternehmen anwenden, um im digitalen Rennen mithalten zu können? Das Motto dieses Wandels sollte ganz klar lauten: Ärmel hochkrempeln.

Mein Best-Practice-Beispiel kommt aus Augsburg: Manroland Web Systems ist ein mittelständisches Unternehmen, ein Hersteller von Rollenoffsetdruckmaschinen. Im vergangenen Jahr präsentierte der Anbieter auf der E-Commerce-Messe K5 in Berlin, wie man gerade an einem Marktplatz schraube. Man wolle klein starten und prüfen, ob Kunden das neue Angebot annehmen, bevor man zu viel Zeit und Geld investiert. Ein kluger Move! Nicht bloß die Strategie-Folie einer Power-Point-Präsentation!

Der Grund der Marktplatz-Initiative: Manroland Web Systems wurde von seinen Industriekunden oft um Beratung gebeten. Welche Farbe und welche Papiersorten sorgen für das beste Druckergebnis? Wo kann man diese Güter beziehen? Immer wieder stellte Manroland den Kontakt zwischen seinen eigenen Kunden und empfehlenswerten Drittanbietern her. Und irgendwann fragte man sich: Sollten wir die Produkte für erfolgreichen Industriedruck vielleicht einfach selbst kaufbar machen? That’s the spirit!

Damit nicht genug: Neben dem Online-Handel steigt Manroland auch noch in die Produktfotografie ein. Das Problem hochwertiger Industrieproduktfotos bestand für Manroland selbst. Die Lösung wurde am Ende mit einem Partner individuell gefertigt. Doch anstatt nur das eigene Problem zu lösen, bietet man im hauseigenen E-Commerce nun Produktfotografie als Service inklusive Logistik. Das wird sicher nicht zum neuen Kerngeschäft, senkt aber die Investitionskosten für eigene Foto-Automaten.

Der Manroland-Case illustriert es deutlich: Der Unterschied zwischen heißer Luft und Best Practice ist ganz klar die „Execution“ – die Begeisterung dafür, Dinge anzustoßen, umzusetzen. Doch vorher ist etwas anderes fast genauso wichtig. Bevor man Dinge tut, sollte man nämlich auch: Dinge lassen.

Denn Abteilungen und Personal durch die digitale Transformation noch mehr To-Dos zu geben, wird nichts bringen. Vor allem, wenn sie dann mit der Umsetzung alleine sind. Wichtiger und zeitsparender für die digitale Transformation ist es, eine Not-To-Do-Liste anzufertigen! Das bedeutet konkret, sich im Unternehmen gemeinsam – und mithilfe guter Berater – zu fragen: Was müssen wir denn lassen, um erfolgreicher zu werden? Diese Liste wird auf verblüffende Weise helfen, konkrete Konfliktlinien und Bedürfnisse zu identifizieren. Sie wird dazu führen, dass alle im Meeting mal den Laptop zulassen.

Sich anschauen und miteinander reden, anstatt auf eine Powerpoint zu starren und sie abzunicken. Sich gemeinsam auf die Vision, die künftigen Ziele, die Idee zu fokussieren. Und gute Ideen gibt es gerade in mittelständischen Unternehmen jede Menge – wie etwa das Beispiel Manroland hervorragend zeigt.

Christian Grötsch
Christian Grötsch (Bild: dotSource GmbH)

Über den Autor: Christian Otto Grötsch (siehe Foto) ist Geschäftsführer der dotSource GmbH. Zusammen mit Christian Malik gründete er 2006 die Full-Service-Digitalagentur in Jena. Seither berät er Unternehmen aus dem Mittelstand und international operierende Konzerne zu Strategien und Technologien im E-Commerce. Von nutzerorientierten Digital-Plattformen über ein durchdachtes Kundenbeziehungs- und Produktdaten-Management bis hin zu gezielten Online-Marketing-Maßnahmen – dotSource hat ein Leistungsspektrum aller Aspekte der Digitalisierung von Marketing, Vertrieb und Services.

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