„Vezos statt Bezos“: So stoppt Europa die „Killermaschine Amazon“

Amazon dominiert zunehmend den deutschen E-Commerce: Laut einer aktuellen Studie des EHI Retail Institute konnte der US-Versandriese im vergangenen Jahr nicht nur seinen Handelsumsatz hierzulande von zuvor 7,8 Mrd. auf nun 8,1 Mrd. Euro erhöhen. Nach wie vor thront Amazon auch einsam an der Spitze der umsatzstärksten Online-Shops in Deutschland – und dabei ist im Umsatz von 8,1 Mrd. Euro nicht einmal das Geschäft der Marktplatz-Partner enthalten, sondern nur Amazons eigene Verkäufe.

Gerrit Heinemann
Gerrit Heinemann (Bild: eigenes Foto)

Eine Ende des Amazon-Booms ist aktuell nicht in Sicht. Auch weil sich der Versandriese immer wieder neue Benefits einfallen lässt, um Kunden an sich zu binden. So können Mitglieder im „Prime“-Programm inzwischen auch kostenlos Videos abrufen und Musik hören, nachdem vor einigen Jahren der einzige Kundenvorteil noch aus einer kostenlosen Lieferung bestand.

Professor Gerrit Heinemann (siehe Foto) geht daher davon aus, dass jeder Online-Kunde in Deutschland auch ein Amazon-Kunde wird. Diese These vertrat er diese Woche auf der Veranstaltung „Be Digital“ der Baur Fulfillment Solutions GmbH, durch die ich als Moderator führen durfte.

Seiner Einschätzung zufolge sei die „Killermaschine Amazon“ kaum einzuholen. Die Situation verschärfe zudem, dass Amazon zusammen mit Google, Apple und Facebook die so genannte „GAFA“-Gruppe bilde. Diese kontrolliere die Datenströme im Internet: von Suchmaschinen (Google) über Hardware (Apple) sowie Social Networks (Facebook) bis zum Handel (Amazon). Das muss ihm zufolge aber nicht so bleiben. Denn Deutschland und Europa würden gute Voraussetzungen bieten, um den Kampf gegen die GAFA-Monopolisten und die „Killermaschine Amazon“ aufzunehmen. Diese Faktoren fasst Heinemann unter dem Begriff „Vezos“ zusammen – frei nach dem Nachnamen des Amazon-Gründers Jeff Bezos:

V – wie Verticals: Nirgendwo auf der Welt gebe es so gut positionierte Marken wie in Europa. Auch erfolgreiche vertikale Händler wie Ikea, Zara und H&M kämen aus Europa. Sie hätten den Vorteil der Unvergleichbarkeit, den sie gegenüber der „Feuerwalze Amazon“ besser ausspielen könnten.

E – wie E-Marketplaces: Mehr als 70 Prozent aller Einzelhändler sind in Verbundgruppen organisiert, wie Heinemann berichtet. Diese bieten als Plattformen ihm zufolge die besten Voraussetzungen für eine Digitalisierung, hätten hier bisher aber komplett versagt. Doch die Hoffnung sterbe zuletzt.

Z – wie Zalando & Co: Europäische Online-Pureplayer wie Zooplus, Asos oder Thomann könnten auch weiter gegenüber Amazon als so genannte „Category Killer“ gut existieren.

O – wie Otto & Co: Versender wie Otto, Baur und Unito würden mittlerweile große Teile ihres Umsatzes katalogunabhängig erzielen und wären auf einem guten Weg, um sich digital zu transformieren.

S – wie Stationäre: Alle stationären Händler – egal ob groß oder klein – könnten aufwachen, um zu mobilisieren. Jede digitale Aktivität wäre eine Maßnahme gegen die „Feuerwalze Amazon“.

Die Play-Offs in der Digitalisierungs-Liga sind laut Heinemann längst angepfiffen. Nun werde es Zeit, dass Europa ein „VEZOS“ auf den Platz bringt und sich damit gegen die „GAFA“-Gruppe positioniere.

Über den Referenten: Prof. Dr. Gerrit Heinemann (siehe Foto) leitet das eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein, wo er auch BWL, Managementlehre und Handel lehrt. Zuvor war er rund 20 Jahre in leitenden Positionen im Handel tätig. Heinemann ist außerdem noch tätig als Gastprofessor am Management Centrum Innsbruck und an der Leipzig School of Media sowie Autor zahlreicher Fachbücher zu den Themen Digitalisierung, E-Commerce, Online- und Multi-Channel-Handel.

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