„Prime Wardrobe“: Otto-Versand attackiert neuen Amazon-Service

Unter der Bezeichnung „Prime Wardrobe“ testet Amazon in den USA derzeit einen neuen Service, der für Kunden den Online-Einkauf von Mode einfacher machen soll. Der zentrale Gedanke dabei: Kunden sollen Fashion zu Hause anprobieren und nur das kaufen müssen, was sie auch behalten wollen.

Dieser Vorstoß wird von deutschen Medien regelrecht als richtungsweisend abgefeiert. Dabei ist das Geschäftsmodell alles andere als revolutionär und hierzulande bereits seit Jahrzehnten etabliert – wie der Otto-Versand zu Recht kritisiert. Das verdeutlicht in einem Gastbeitrag auf neuhandeln.de nun Thomas Steck, der beim Hamburger Universalversender für Logistik und Service zuständig ist:

Thomas Steck
Thomas Steck (Bild: Otto Group)

„In den USA startet Amazon nun ein Service-Paket, das Online-Fashion-Shopping einfacher machen soll. Das ist natürlich eine News. Ich habe einige dieser Nachrichten gelesen, auch in großen deutschen Medien.

Viele Beobachter und Branchenexperten sehen in der neuen Offensive schon die nächste Disruption des E-Commerce kommen, „ein Schreckgespenst“, vor dem die etablierten Player „Angst“ haben müssten.

Doch mit Verlaub: Die jetzt als revolutionär beschriebenen Service-Leistungen des Wardrobe-Programms machen mir keine Angst.

Denn wenn Branchenexperten das Prinzip „erst anprobieren, dann bezahlen“ zur nächsten disruptiven Innovation des Distanzhandels ausrufen, freuen wir uns bei Otto sehr, bereits seit 1950 an der Spitze dieser avantgardistischen Bewegung zu stehen. Schließlich basiert dieses Prinzip auf der seit Jahrzehnten mit Abstand beliebtesten Zahlungsmethode: dem Kauf auf Rechnung.

Weiter wirbt Amazon damit, dass Kunden ihre Artikel sieben Tage lang ausprobieren können „und nur das bezahlen, was sie auch wirklich behalten“. Bei Otto lassen wir unseren Kunden 30 Tage Zeit für die Bezahlung. Folglich bereitet mir auch diese vermeintliche Service-Innovation keine schlaflosen Nächte.

Außerdem würde Amazon mit seinen sieben Tagen Anprobefrist nach deutschem Recht ehrlicherweise keinen Blumentopf gewinnen. Das Fernabsatzgesetz sieht nämlich bei Onlinekäufen eine Widerrufsfrist von 14 Tagen vor. Bei Otto haben wir diese Frist als eigenes Service-Angebot verdoppelt.

Gut verpackte Idee? Ja! Schockstarre? Nein!

Und so ist es für uns dann auch eine Selbstverständlichkeit, dass wir jedem Paket einen Aufkleber für eine kostenlose Retoure beilegen und unseren Kunden eine mögliche Rückgabe damit so einfach wie möglich machen. Sie müssen ihre Pakete dafür übrigens nicht einmal zu einer Abholstelle bringen – auch bei uns kommt der Zusteller auf Wunsch einfach an der Haustür vorbei und holt die Sendung ab. Kostenlos, versteht sich. Gut jede zehnte Retoure wird von uns so stressfrei abgeholt.

Zuletzt möchte ich betonen, dass alle unsere Kunden von diesen genannten Services profitieren – das Angebot gilt damit also nicht nur für zahlende Prime-Kunden, wie es bei Amazon der Fall ist.

Keine Frage, wir nehmen alle Wettbewerber in unserer Branche ernst. Doch bloß weil eine gut verpackte Idee aus Seattle stammt, muss diese ja nicht immer gleich den Rest der Handelswelt ins Unglück stürzen und europäische E-Commerce-Anbieter kollektiv in Schockstarre verfallen lassen.“

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5 Kommentare zu „Prime Wardrobe“: Otto-Versand attackiert neuen Amazon-Service

  1. Das mag ja sein, dass die in Deutschland so ist. In anderen Ländern ist dies aber eben mitnichten rechtlich verpflichtend oder Geschäfts-Standard, weshalb „Nö question, money back“-Garantien oder eben Vorstöße von Amazon in den USA für diese Märkte durchaus ne Aussage sind. Müsste ein vertreter eines weltweit tätigen Dinosauriers aber doch auch wissen.

  2. Lieber Herr/Liebe Frau Wiechert,

    ich stimme Ihnen zu. In anderen Märkten sind diese Service tatsächlich innovativ. Ich bezog meinen Kommentar jedoch auf die Berichterstatter, die verkündet haben, dass diese Services auch den deutschen E-Commerce revolutionieren werden.

    Schöne Grüße aus Hamburg,
    Thomas Steck

  3. Ich gebe Herrn Steck in allen Bereich uneingeschränkt recht. Es scheint mittlerweile schon als innovativ zu gelten, wenn man einem Kind einfach einen anderen Namen gibt.
    So ist es auch beim Thema One-Fits-All-Matratzen und dem 100 Tage Probeschlafen, welches als sensationelle Innovation und USP gefeiert wird.
    Laut deutschem Recht hat man sowieso 14 Tage die Möglichkeit, die Ware kostenfrei zurückgeben. Und mit Verlaub, wer nach 14 Tagen nicht merkt, dass seine Matratze nicht zu ihm passt, der merkt es auch nach 100 Tagen nicht.
    Zumal auch vor Casper und Co. fast alle Händler sowieso die gesetzlichen 14 Tage auf 30 Tage freiwillig verlängert hatten.

  4. Ja mei, mit lügenpresse kennen wir uns in Sachsen ja aus, insofern freu ich mich immer über Medienkritik 🙂 ändert aber natürlich nix daran, dass bspw ein komisches start up mit seiner schrei-vor-Glück-sonst-Schicks-zurück-Kampagne was ja eigentlich Werbung mit seit 60 Jahren etablierten Selbstverständlichkeiten war den Dinos ordentlich eingeheizt hat

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