Kuriose BEVH-Prognose: Jeglicher Handel wird künftig E-Commerce

In 30 Jahren wird der Einzelhandel einen Paradigmenwechsel hinter sich haben: Das prognostiziert der Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel (BEVH) nun in 7 Thesen zum E-Commerce im Jahr 2047 (PDF-Download). Demnach soll der E-Commerce in 30 Jahren die „prägende Komponente des Einzelhandels“ sein. Den stationären Einzelhandel soll es dann zwar weiterhin geben – im Gegensatz zu heute aber als eine „lokale, unter Servicegesichtspunkten optimierte Ausprägung von E-Commerce“.

BEVH Zahlen
Der Versandanteil am Handel steigt laut BEVH seit Jahren an (Grafik: BEVH)

Begründet wird diese Prognose damit, dass sich das Konsumentenverhalten „radikal“ verändere und Vorbehalte gegenüber dem Online-Shopping zunehmend schwinden. Das spreche zunächst zwar nicht grundlegend gegen eine weitere Existenz des stationären Einzelhandels. Die Costumer Journey des Kunden beginne künftig in der Regel aber mit der Online-Suche nach Informationen über ein gewünschtes Produkt – oder ende alternativ sogar direkt mit einem Einkauf in einem Online-Shop.

„Aus unserer Sicht wird daher im Jahr 2047 der E-Commerce-Anteil 100 Prozent betragen, weil in jedem Einkauf dann auch E-Commerce-Prozesse enthalten sind“, argumentiert der Versandverband.

Diese Sichtweise teilen aber längst nicht alle Branchen-Beobachter. Im Gegenteil. Denn gerade die Begründung des BEVH mutet doch ein wenig kurios an. „Die These „100 Prozent E-Commerce“ ist ein bisschen gewagt“, kontert stellvertretend Joachim Graf, Herausgeber des Online-Portals iBusiness und selbst als Zukunftsforscher aktiv. „Ich halte sie für eher versandhandelsverbandgetrieben als real.“

Joachim Graf iBusiness
Joachim Graf (Bild: iBusiness.de)

Die These des BEVH gehe ihm zufolge am Kern des Problems vorbei. „Wir werden in 30 Jahren genauso „100 Prozent E-Commerce“ haben wie wir heute schon „100 Prozent E-Commerce“ haben“, argumentiert Graf. „Denn irgendwo im Handelsprozess nutzt heute bereits jemand Strom.“ Folglich wäre also schon heute jeder Handel damit E-Commerce – also „Elektronischer Handel“, bei dem irgendwo Strom fließt.

Sinnvoll sei es daher nicht, die E-Commerce-Marktdurchdringung damit zu begründen: Wo immer irgendwas mit Internet drin ist, das nennen wir dann E-Commerce.

Graf geht vielmehr davon aus, dass es selbst in 300 Jahren noch physische Verkaufsflächen gibt, dass Menschen über Märkte schlendern und in Einkaufspassagen shoppen werden – wie es schon in den letzten 3.000 Jahren der Fall war. „Selbst wenn die Mohrrübe und das Klopapier per gebeamtem Roboterboten in autonom durch Wurmlöcher fahrenden Flugtaxis geliefert wird“, schmunzelt er.

Seine These begründet er mit einer eigenen Zukunftsstudie Das digitale Deutschland 2041, für die iBusiness den Handel im Jahr 2041 analysiert hat. Das zentrale Ergebnis lautet dabei nicht, dass jeder Handel zu E-Commerce wird. Vielmehr sei am wahrscheinlichsten, dass On- und Offline-Shopping nach wie vor parallel zueinander existiert und jeder Händler den für sich am wichtigsten Kanal bedient.

Ähnlich argumentiert auch Kai Hudetz, Geschäftsführer beim Institut für Handelsforschung (IFH). Zwar werde es ihm zufolge tatsächlich immer schwerer, reine Offline-Käufe vom Online-Shopping zu trennen – was zunächst die BEVH-Prognose stützt. Schließlich wird bei neuen Multichannel-Services wie „Click & Collect“ der Einkauf online angestoßen und die Ware nachher vor Ort im Ladengeschäft abgeholt.

Dass der Handel aber einmal tatsächlich zu 100 Prozent aus E-Commerce bestehen wird, hält er dennoch für unrealistisch. „Vor Ort lassen sich Verbraucher auch künftig besser zu Käufen inspirieren als online“, argumentiert Hudetz (siehe Foto). „Einen Schal eines Fußballvereins kaufen Fans ja auch lieber direkt im Stadion als in einem Online-Shop, weil es vor Ort viel mehr Emotionen gibt.“

Kai Hudetz
Kai Hudetz (Bild: IFH Köln)

Und damit tatsächlich einmal alle Verkäufe ins Web wandern, müsste vor allem das Online-Geschäft mit Lebensmitteln in den kommenden 30 Jahren stark anziehen – was auch die aktuellen Zahlen des BEVH untermauern.

Demnach stieg der Umsatz mit Waren und Dienstleistungen über das Internet zwar auf 66,9 Mrd. Euro brutto (ohne Katalog-Geschäft). Dabei gab es in traditionell starken Warengruppen wie Bekleidung oder Elektronik allerdings nur „stabile Umsätze“, deutliches Wachstum dagegen bei bislang eher umsatzschwächeren Warensegmenten wie Lebensmitteln.

Dass hier das Online-Geschäft in den nächsten Jahren eine relevante Größe erreicht, ist unter aktuellen Gesichtspunkten unwahrscheinlich. Denn Mehrwerte für den Konsumenten lassen sich kaum schaffen, wenn Kunden direkt vor ihrer Haustür mehrere Supermärkte mit langen Öffnungszeiten finden.

iBusiness Zukunfthing
Laut einer Zukunftsstudie von iBusiness kommt der interaktive Handel im Jahr 2041 auch erst auf einen Marktanteil von 45 Prozent (Grafik: iBusiness.de)

„Der Online-Handel mit Lebensmitteln steckt in einem Dilemma“, weiß auch Hudetz. „In Großstädten fehlen die Mehrwerte, die eine Belieferung in ländlichen Regionen zweifelsohne bieten würde. Hier sind die Kosten dann aber für den Online-Anbieter wieder zu hoch“. Wie schwer das Geschäft mit E-Food ist, verdeutlicht zudem ein Blick in die Schweiz. Dort sind Online-Supermärkte wie LeShop.ch zwar bereits seit Ende der 90er Jahre aktiv. Doch selbst in solchen „Vorreiter-Märkten“ erreichen die Online-Supermärkte heute erst einen überschaubaren Marktanteil von nur wenigen Prozentpunkten.

Wobei solche Argumente für den BEVH ja eigentlich keine Rolle zu spielen brauchen. Denn E-Commerce ist für den Verband ja der hauseigenen Begründung zufolge künftig jeder Handel, der in irgendeiner Weise elektronisch beeinflusst wird. Seriös wirkt diese Argumentation aber sicher nicht – genauso wenig wie der Zeitrahmen. „In Zeiten, in denen wir noch nicht mal wissen was das nächste Jahr dem Handel bringt, finde ich einen Ausblick auf die nächsten 30 Jahre durchaus mutig“, mahnt etwa Peter Höschl, Herausgeber des Info-Portals Shopanbieter.de – und dürfte dafür durchaus Zustimmung ernten.

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