E-Commerce: Lohnt sich eine eigene Shop-Software?

Eigenentwicklung oder System von der Stange: Immer wieder diskutieren Online-Händler, mit was für einer Shop-Software sich am besten Alleinstellungsmerkmale im E-Commerce schaffen lassen. Gerade große Online-Pureplayer investieren gerne in eigene Lösungen, um sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Kleinere Versender vertrauen oft auf bestehende Angebote – die sinnvollere Variante? Das meint jedenfalls Johannes Klinger vom Hersteller und Betreiber der Shop-Plattform Websale, der neuhandeln.de auch als Sponsor unterstützt. Und seine Argumente klingen durchaus schlüssig.

neuhandeln.de: Der Otto-Versand pumpt Millionen in seine eigene Shop-Software (Projekt „Lhotse„). Ist das nun ein Geniestreich oder eher eine Verzweiflungstat?

Johannes Klinger Websale
Johannes Klinger (Bild: Websale AG)

Johannes Klinger, Vorstandsvorsitzender der Websale AG: „Die grundsätzliche Frage ist ja, ob man sich durch ein eigenes Shop-System besser vom Wettbewerb unterscheiden kann als über eine Standardlösung.
Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Denn auch Standardsysteme lassen sich komplett individualisieren.

Einerseits können Händler ihr eigenes Corporate Design und ihr eigenes Look & Feel umsetzen. Andererseits leben Standardsysteme zum Teil auch davon, dass man sie auch hinsichtlich der Funktionen individuell anpassen kann.“

neuhandeln.de: Diese Anpassungen muss aber auch jemand umsetzen.

Klinger: „In der Tat lauert hier, insbesondere bei OpenSource, eine große Gefahr. Wer zum Beispiel eine externe Agentur mit der Shop-Anpassung beauftragt, ist letzten Endes von einzelnen Mitarbeitern der Agentur abhängig. Sobald der Mitarbeiter, der die Software-Anpassungen des Shops durchgeführt hat, die Agentur verlässt, fehlt häuft das entscheidende Wissen zu diesem Projekt. Dieses Szenario droht natürlich auch, wenn sich Händler einen eigenen Shop-Entwickler leisten. Auch hier kann mit jedem Personalwechsel wieder entscheidendes Knowhow zum veränderten Shop verloren gehen. Dadurch entstehen berechtigte Bedenken bezüglich Software-Anpassungen, so dass diese vorsichtshalber nicht durchgeführt werden. Und eben deswegen findet keine Differenzierung statt.“

neuhandeln.de: Otto investiert auch deshalb in eine eigene Software, weil IT nach der eigenen Auffassung zunehmend zu einer der Kernkompetenzen von Handelsunternehmen wird.

Klinger: „Die Kehrseite ist doch aber, dass eigene Shop-Lösungen allein für die Entwicklung schnell Hunderttausende oder gar Millionen verschlingen. Das können sich von vornherein daher nur die ganz großen Player in unserer Branche leisten. Und selbst die müssen sich doch fragen, ob ihre Budgets woanders nicht vielleicht besser angelegt wären.“

neuhandeln.de: Warum genau?

Klinger: „Weil Händler bei einer eigenen Shop-Software immer wieder bei null beginnen, während es doch bereits bewährte Lösungen am Markt gibt. Allein für einzelne Shop-Funktionen, wie z.B. die Suche, gibt es spezialisierte Dienstleister, die ihre ganze Kraft ausschließlich darauf konzentrieren, die Suchfunktion für Online-Shops zu optimieren. Ein Händler muss dagegen bei einer Eigenentwicklung seine Ressourcen auf viele Bereiche verteilen und Dinge entwickeln, die andere bereits längst vorliegen haben. So gesehen wird wertvolle Entwicklungszeit für Standardfunktionen verpulvert.“

neuhandeln.de: Als Anbieter einer Shop-Software müssen Sie ja so argumentieren.

Klinger: „Tatsächlich sieht es in der Praxis oft noch viel schlimmer aus, wie ich oft genug hautnah in Projekten erfahren habe. So gibt es zum Beispiel einen großen deutschen Online-Händler, der auf eigene Weiterentwicklungen einer Standardsoftware setzt. Das System ist im Laufe der Jahre aber durch zahlreiche Erweiterungen und Anpassungen immer komplizierter und umfangreicher geworden, so dass jede neue Zusatzentwicklung zu immer größeren Aufwänden führt. Gleichzeitig veraltet das System, da durch die Vielzahl der Veränderungen kein Update mehr eingespielt werden kann. Daher bleiben inzwischen selbst neue Standard-Funktionen außen vor. Obwohl man sich ursprünglich vom Wettbewerb distanzieren wollte, wird man nun allmählich von Mitbewerbern überholt.“

neuhandeln.de: Eine Differenzierung über eine eigene Software ist dann gar nicht möglich?

Klinger: „Doch, aber mit einem sehr großen permanenten Aufwand. Händler können sich immer wieder einen gewissen Vorsprung erarbeiten, wenn sie als erste neue Features in ihrem Shop anbieten. Ein Beispiel wäre das One-Click-Shopping-Modell, mit dem sich Amazon einen Namen gemacht hat. Wenn aber ein Feature bei den Kunden ankommt, wird es der Wettbewerb auf kurz oder lang kopieren – und die Funktion damit Bestandteil einer Standardlösung. Das heißt, der Vorsprung muss wieder mit einem neuen Feature erarbeitet werden. Einen guten Kompromiss stellen Software-as-a-Service Lösungen dar, denn diese beinhalten in der Regel neue Features, ohne dass die einzelnen Händler diese aufwändig in ihre Shopsoftware integrieren müssen.“

neuhandeln.de: Gerade bei gemieteten Shop-Lösungen (Software-as-a-Service) müssen Händler aber schnell mehr Gebühren bezahlen, wenn sie mehr verkaufen.

Klinger: „Was für Händler natürlich unattraktiv ist, wenn die Gebühren umsatzabhängig sind und die Umsätze steigen. Aus diesem Grund verzichten wir bei Websale auch auf so ein Modell. Andererseits ist es logisch, dass die Kosten für den Shopbetrieb bei steigenden Leistungsanforderungen, unabhängig von der Art des Shopsystems, ebenfalls steigen. Bei uns zahlen die Kunden daher eine monatliche Grundgebühr, sowie die tatsächlich benötigte Rechenleistung. Bei Eigenlösungen muss der Händler nicht nur den kompletten Entwicklungs-Aufwand sondern auch die Gesamtkosten eines für sein Geschäft ausreichend dimensionierten Serversystems allein tragen.“

neuhandeln.de: Also werden wir immer weniger Eigenlösungen am Markt sehen?

Klinger: „Die Big Player im deutschen und internationalen Online-Handel werden sicher auch in Zukunft immer wieder auf eigene Systeme setzen. Ebenso mittelständische Versender, in der
Hoffnung durch eigene Lösungen schneller, flexibler und agiler am Markt auftreten zu können. Ich bin mir aber sicher: In den meisten Fällen wird sich das in der Praxis schnell als sehr teure und bereits mittelfristig unflexible Lösung erweisen.“

Johannes Klinger WebsaleÜber den Interview-Partner:

Johannes Klinger ist Vorstandsvorsitzender der Websale AG. Die Websale AG entwickelt und betreibt die umsatzfördernde Shoplösung Websale für erfolgreiche Online-Versandhändler. Als First Mover im Bereich “Software as a Service” (SaaS) in Deutschland betreibt die Websale AG bereits seit 1996 die eigene Shopsoftware in eigenen Rechenzentren.

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