„Amazon Flex“: Wenn Verbraucher die Pakete ausliefern

Heinrich Dehn

In Deutschland hat Amazon gerade ein eigenes Verteilzentrum in Betrieb genommen. In dem neuen Standort Olching (bei München) kommen Pakete aus den bestehenden Warenlagern von Amazon in Deutschland an, die dann Kurierdienste an Kunden in der Nähe liefern. So will Amazon unter anderem sicherstellen, dass Prime-Kunden ihre Ware rechtzeitig erhalten.

Amazon FlexBei Amazon-Flex liefern Privatpersonen die Expresszustellungen (Bild: Screenhot)

In den USA ist Amazon schon einen Schritt weiter. Dort verzichtet Amazon nämlich bereits auf klassische Kurierdienste und lässt Endverbraucher die Bestellungen ausliefern. Getestet wird dieser Service mit der Bezeichnung „Amazon Flex“ momentan im Großraum Seattle, wo nun Privatpersonen die Expressbestellungen mit ihrem eigenen Auto ausliefern können. Wer sich als Endverbraucher hier versuchen will, kann 18 bis 25 US-Dollar pro Stunde verdienen.

Privatpersonen als Zusteller? Was im ersten Moment etwas kurios anmutet, hat sich in der Praxis durchaus schon bewährt. Denn DHL Paket hatte bei einem Pilotprojekt in Schweden untersucht, ob Privatpersonen tatsächlich Pakete für andere Kunden ausliefern können. Das Ergebnis des Pilotprojekts: In drei Monaten Projektdauer sind keine Pakete beschädigt worden oder verloren gegangen. Zudem war das Feedback der Empfänger positiv ausgefallen.

Andreas SchumannVor diesem Hintergrund wäre durchaus denkbar, dass Amazon sein „Flex-Modell“ auch in Deutschland testet. Der Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste (BdKEP) hält es jedenfalls für durchaus realistisch, dass es hierzulande einmal eine gewerblich getriebene Crowd-Logistik gibt. „Bislang dominieren den deutschen Markt eine Handvoll Paketdienste„, argumentiert der BdKEP-Vorsitzende Andreas Schumann (siehe Foto). „Wenn diese Strukturen aufgebrochen werden, können auch einmal andere Player etwas vom Kuchen abbekommen.

Damit die Zustellung durch Privatpersonen aber auch wirklich funktioniert, müssten sich die Zusteller an einige Regeln halten. „Steuerpflicht, Mindestlohn, Arbeitszeitgesetz – Kurier- und Postdienst haben einen restriktiven gesetzlichen Rahmen„, verdeutlicht Schumann. „Wenn dieser Rahmen von Privatpersonen umgangen wird und diese deshalb Kostenvorteile realisieren, wird es wenig gesellschaftliche Akzeptanz für so ein Modell geben und die Gerichte werden tätig.

Verband warnt: Amazon-Modell für Logistik-Branche „kontraproduktiv“

Während sich der BdKEP-Vorsitzende über ein Flex-Modell in Deutschland freuen würde, warnt der Bundesverband für Paket und Express Logistik (BIEK) vor Zustellungen durch Verbraucher.

Florian GersterZustellkonzepte wie Amazon Flex sehen wir sehr kritisch„, mahnt Florian Gerster, Vorsitzender des BIEK (siehe Foto links). „Denn die Grundidee steht diametral zu den Engagements und Initiativen der Paketdienste, insbesondere im sozialen und im ökologischen Bereich.“ Für das Berufsbild des Zustellers sei das Vorgehen von Amazon auf jeden Fall kontraproduktiv. „Offensichtlich wird hier auch Amateuren zugetraut, Warensendungen kundenfreundlich, sachkundig und serviceorientiert zu transportieren„, echauffiert sich Gerster.

Denn die Kurier-, Express- und Paketdienste hätten in den letzten Jahren viel Geld investiert, um ihre Flotten umweltfreundlich aufzurüsten. Jede Gelegenheit werde genutzt, um Mengen zu verdichten, Routen zu optimieren, Verkehr zu verhindern und somit weniger Emissionen zu verursachen. Amazon sorge hingegen mit seinem Flex-Modell für mehr Verkehr auf der Straße, wenn prinzipiell einmal jeder Verbraucher zum Paketboten werden könne. „Das hat mit einer modernen, zukunftsorientierten Distribution nichts zu tun„, ärgert sich BIEK-Chef Gerster.

Dass er den Vorstoß von Amazon grundsätzlich negativ bewertet, dürfte kein Zufall sein. Denn im BIEK organisieren sich fünf große Anbieter wie Hermes, DPD und TNT, während der BdKEP die Interessen der kleinen Zusteller vertritt. Diese könnten von einem Angebot wie „Amazon Flex“ eher profitieren, während den BIEK-Partnern tendenziell Geschäft verloren ginge.

Vielleicht kommt es aber ja gar nicht so weit. Denn möglich ist auch, dass Amazon mit seinem neuen Service daneben liegt und es erst gar nicht zu einem Test in Deutschland kommt.

Das hält man bei dem auf Same-Day-Delivery spezialisierten Start-Up Tiramizoo durchaus für möglich. „Erst mittelfristig wird sich zeigen, ob der Aufwand zur Steuerung der Kuriere mit der nötigen Qualität und Kontrolle in einer sinnvollen Relation steht„, sagt Marketing-Chef Philipp Walz.

Er muss es wissen. Denn Tiramizoo ist darauf spezialisiert, unter vielen Zustellern bei Same-Day-Delivery genau den Kurier zu finden, der das Paket am schnellsten zum Kunden bringt.

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